"The Cut" im Kino Mann mit großem Herzen

Ist dieses Bild schon Teil der verklärten Erinnerung? Nazaret (Tahar Rahim) wird seine beiden Töchter bald grausam verlieren.

(Foto: dpa)

"The Cut" will ein Statement des Muts sein: Da traut sich einer, ein heikles Thema anzupacken. Die bösen Kritiken, die Fatih Akin dafür bekommen hat, sieht er selbst als Niederlage. Doch dem Film gelingt auch viel.

Von Tobias Kniebe

Die Schönheit, aber auch die ganze Verwundbarkeit dieses Films - vielleicht offenbart sie sich ja bereits in dieser Kranichszene. Ein kurzer, eigentlich ganz unschuldiger Moment zu Beginn. Alle Gräuel und alles Leid liegen noch in der Zukunft.

Da geht also der Kupferschmied Nazaret in seiner Heimatstadt Mardin, im östlichen Anatolien, mit seinen beiden Töchtern durch eine Gasse. Er läuft in der Mitte, hat die Arme um sie gelegt. Ein Moment des Friedens. Dann zeigt er zum Himmel, wo gerade ein Kranich vorbeizieht. "Wer einen Kranich sieht, begibt sich auf eine lange Reise", sagt Nazaret, und seine Töchter nicken aufgeregt.

Auf den ersten Blick wirkt das alles etwas sehr idealisiert: Bildhübsche Zwillinge mit dunklen Zöpfen, züchtigen Schürzen und einer hoffnungsvollen Zukunft, wie die Schulbücher in ihren Armen zeigen sollen. Nazaret wiederum ist das Idealbild eines liebenden Vaters, voller Geschichten und Träume, im Herzen vielleicht selbst noch ein Kind.

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Umstandslos symbolisch

Aber kann man "The Cut" daraus schon einen Vorwurf machen? Sehr bald wird dieser Mann seine Frau verlieren, auf die denkbar grausamste Weise, seine Töchter werden ihm entrissen werden, er wird durch die halbe Welt irren, um nach ihnen zu suchen. Die Szene wirkt wie eine vorweggenommene, schon halb vergoldete Erinnerung. In ein paar Tagen wird sie das Einzige sein, was er noch hat.

Und dann ist da natürlich diese Direktheit. Nazaret wird ja wirklich auf eine sehr lange Reise gehen, und seine Töchter, getrennt von ihm, auch. Er wird beinahe ermordet werden, mehrfach, er wird durch Wüsten taumeln, tausendfachen Tod und unendliches Elend sehen, er wird ruhelos durch die Straßen von Aleppo wandern, über die Boulevards von Havanna und die Highways von Minneapolis. Und zwischendurch wird es sich anfühlen, als käme er wohl nie an ein Ziel.

Aber darf das große Thema gleich zu Beginn so umstandslos symbolisch benannt werden? Die cleveren Filmautoren der Gegenwart würden das wohl als Schwachpunkt betrachten - und unbedingt vermeiden. Fatih Akin und Mardik Martin, sein armenischer Co-Autor, der in seiner Karriere schon alle Höhen und Tiefen Hollywoods gesehen hat, wissen das natürlich. Aber sie entscheiden sich hier ganz bewusst für eine Naivität, wie sie die alten Filme Hollywoods manchmal haben. John Ford zum Beispiel, in der unvergleichlichen Größe seines irischen Herzens, hatte mit solcher Direktheit nie ein Problem.

Versuchte Auslöschung eines Volkes

Und doch, in die Welt von John Ford kann keiner zurück. Heute wirkt das so, als böte der Film, um größtmögliche Zustimmung heischend, um die Blicke der Zuschauer gewissermaßen zu entwaffnen, erst einmal seine entblößte Kehle dar, wie ein unterwürfiges Tier.

Und auf einmal begreift man, wie viel sich Fatih Akin hier wirklich aufgeladen hat. Es geht ja um nicht weniger als um die versuchte Auslöschung eines Volkes, den Genozid an den Armeniern in den Jahren 1915 und 1916, begangen von den Türken, aber gewissermaßen unter den Augen des verbündeten Deutschen Kaiserreichs. Und es geht um einen Regisseur, der seine Wurzeln im Volk der Täter hat, aber die Perspektive der Opfer einnimmt.

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