Star-Dirigent Valery Gergiev Putins Held am Notenpult

Lässt bislang keine Distanz zu Wladimir Putin erkennen: Der künftige Chefdirigent der Münchner Philharmoniker Valery Gergiev.

(Foto: Robert Haas)

Valery Gergiev ist ein erklärter Anhänger von Russlands Präsident Wladimir Putin und verteidigt dessen repressive Politik gegen Homosexuelle. Bei Auftritten in New York kam es daher zu heftigen Protesten gegen den Star-Dirigenten. Bald tritt Gergiev in München auf, hier wird er 2015 Chef der Philharmoniker - und die Stadt muss Position beziehen.

Von Reinhard J. Brembeck

Am 18. Dezember wird Valery Gergiev, ab 2015 der neue Chef der Münchner Philharmoniker, sein zukünftiges Orchester mal wieder dirigieren, auf dem Programm steht nur Igor Strawinsky. Das verspricht einen großen Abend, da Gergiev im russischen Repertoire unschlagbar gut ist. Der Abend könnte aber auch viel Ärger mit sich bringen, für Gergiev, die Philharmoniker, die Stadt. Denn der Dirigent hat die schwule Gemeinschaft gegen sich aufgebracht.

Gergiev ist wie die Sängerin Anna Netrebko ein Anhänger von Russlands rigide mit Andersdenkenden verfahrendem Präsidenten Wladimir Putin, der ihn mit dem anachronistischen Ehrentitel "Held der Arbeit" auszeichnete.

Im Juni segnete Putin eine zweifelhaftes Gesetz ab, das das Sprechen über Homosexuelle in Gegenwart Minderjähriger unter Strafe stellt. Der Erlass und die Repressalien in Russland wurden scharf kritisiert, Gergiev und Netrebko schwiegen zu den Vorgängen.

Die Quittung kam prompt. Als die beiden Ende September die New Yorker Met-Saison mit Pjotr Iljitsch Tschaikowskys "Eugen Onegin" eröffneten, kam es zu heftigen Protesten. Tausende von Menschen unterzeichneten eine Petition, die forderte, das Stück als Solidaritätsveranstaltung für die verfolgten russischen Homosexuellen abzuhalten. Die Met lehnte ab, Gergiev schwieg.

Kurz darauf kam es bei einem Auftritt Gergievs in der New Yorker Carnegie Hall zu Protesten im Saal: "Gergiev, your silence is killing Russian gays!"

Diskussionen, die auch München braucht

Gergiev, der zuvor schon das Schwulengesetz als Schutzmaßnahme vor Pädophilen bagatellisiert hatte, rang sich zur Erklärung durch, dass an seinem Petersburger Mariinski-Theater, das er seit 25 Jahren leitet, niemand diskriminiert wurde, ähnlich tönte auch Anna Netrebko.

Eine Distanz zu Putins Umtrieben (Pussy Riots, Chodorkowsky, Greenpeace, Meinungsfreiheit, Osseten ...) ließen beide nicht erkennen. Als Gergiev jetzt die Saison seines London Symphony Orchestra eröffnete, kam es wieder zu Protesten. Es wäre also ein Wunder (und sogar eine Schande), wenn sein Münchner Auftritt nicht auch zu Diskussionen führen würde.

Den Anstoß dazu hat Gergiev selbst gegeben, indem er sich als Anhänger eines zweifelhaften Politikers outete. Damit hat er das angeblich so unpolitische Reich der Musik verlassen und den Anstoß zu politischen Diskursen gegeben, die im Westen nun mal zentral zur Demokratie gehören. Dass die Homosexuellen, die durch Höllen der Diskriminierung gegangen sind und gehen, empfindlich auf Gergievs Einlassungen wie auf sein Schweigen reagieren, ist logisch. Aber auch der Stadt München mit ihrer wenig ruhmreichen Geschichte im Dritten Reich wird es nicht gleichgültig sein können, was ihr höchstbezahlter Angestellter so an kruden politischen Bekenntnissen von sich gibt.

Zwei unrealistische Optionen

Damit wird Gergiev leben müssen. Er wird die Diskussion kaum mehr mit halbherzigen Erklärungen oder dem Hinweis auf seinen überfüllten Terminplan abwürgen können. Aber was könnte er tun?

Sich doch noch distanzieren von Putin? Das wäre allzu schön, ist aber unwahrscheinlich. Sich voll und ganz zu Putin bekennen, den ja so manche für einen lupenreinen Demokraten halten? Auch das ist unwahrscheinlich, da Gergievs Karriere fundamental auf den Westen baut, und ihm wohl klar geworden sein dürfte, dass seine Männerfreundschaft mit Putin hier zunehmend auf Unverständnis stößt.

Also wird er alles wie bisher unangenehm in der Schwebe halten. Was einem die Bewunderung zunehmend schwerer macht für diesen faszinierenden Dirigenten der russischen Musik, allem voran des schwulen Tschaikowsky.