"Sonny Black" von Bushido Bushido als Beruf

Anis Ferchichi alias Bushido alias Sonny Black

Zum neuen Album "Sonny Black" von Bushido: Warum es nur der bequeme Teil der Wahrheit ist, den erfolgreichsten deutschen Gangster-Rapper als moralisches Problem zu sehen.

Von Jens-Christian Rabe

Fotzen. Es geht gleich mal mit Fotzen los. Sind Sie noch da? Ja? Tja. Dann haben wir eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte ist: Sie sind dem Mann, von dem hier die Rede sein soll, gerade auf den Leim gegangen, ganz so, wie er es wünscht: Sie haben sich locken lassen von der verbalen Grenzüberschreitung, dem Nesteln am Tabu. Die gute Nachricht ist: Alle, die jetzt schon nicht mehr mitlesen, weil sie abgestoßen sind, vielleicht sogar angewidert, die sind ihm natürlich auch auf den Leim gegangen. Anders gesagt: Wenn Sie sich erhofft haben, dass wir hier vom Feuilleton-Thron aus ganz locker erst mal ein paar Witzchen über den sogenannten deutschen Gangster-Rap servieren, müssen wir Sie enttäuschen.

Wir haben hier nämlich ein echtes Problem, und dass der deutsche Gangster-Rap bislang vor allem als ästhetisches, strafrechtliches und moralisches Problem angesehen wurde, macht die Sache nicht einfacher. Sieht man es so, sind die, die sich ekeln, fein raus. Was jedoch, wenn das nur die für alle bequemste Variante der Wahrheit wäre?

Aber eins nach dem anderen.

"Fotzen" heißt der erste Track auf dem neuen Album "Sonny Black" (Ersguterjunge Records) des derzeit bekanntesten und umstrittensten deutschen Rappers Bushido. Zweifellos eine brutale Beleidigungsorgie gegen jeden, der sich Bushido alias Sonny Black in den Weg zu stellen wagt, übelstes, unverstelltes Vulgär-Herrenmenschentum: "Kuck mich an, ich mach Berlin wieder hart, Nutte / Electro Ghetto Rap in deinen Arsch, Nutte (. . .) Du kleiner Hurensohn / fick deine Schulnoten / Friss meine Schuhsohlen / Leck meine Spucke jetzt vom Fußboden . . ."

Doch recht unironisch vorgetragen

Sehr schön ist auch der, äh, Refrain: "Wenn der Benz anspringt und die Reifen wieder qualmen / Bin ich auf der Jagd nach euch Fotzen / Und ich find' euch fette Schweine überall." Und so geht das immer weiter: Alle "Fotzen", "schwulen Spasten", "Nutten", "Missgeburten", Mütter seiner Feinde, "schwulen Studenten", "Homos", Olli Pochers, "Öko Boys" und "Grünen-Wähler" werden so richtig nach Strich und Faden von Bushido gefickt ("Ich bin hochkarätig /Großes Ego, großer Penis"), gerne auch mit Nahkampfwaffen wie Totschlägern. Bevorzugt anal. Klar.

Uferlose Gewalt-, Sex- und Auslöschungsfantasien werden hier, anders als bei anderen zwanghaften Explizitisten im Pop wie etwa der Band Rammstein ("Schönes Fräulein, Lust auf mehr / Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr"), doch recht unironisch vorgetragen. Der einzige Witz, der durchscheint, ist Herrenmenschenhumor, Gags auf Kosten derer, die für wertlos erklärt werden.

Wirklich gut rappen kann er nicht

Mit Musik hat das nicht allzu viel zu tun. Die Musik verhält sich bei diesem Gangster-Rap zu Text und Attitüde etwa so wie Becher oder Waffel zu Kugeleis. Ohne geht es nicht, aber wirklich kümmern tut es auch niemanden. Zu hören sind nicht mehr ganz so klapprige Beats wie noch vor einigen Jahren. Bushidos Soundspuren klingen inzwischen professioneller, schwerer, schleppender, aber doch noch immer ziemlich eindimensional. Interessant ist am ehesten, dass sie in enger Zusammenarbeit mit Vincent Stein alias Beatzarre und Konstantin Scherer alias Djorkaeff produziert wurden, die inzwischen auch für deutsche Schlagerstars wie Ich + Ich und Adel Tawil arbeiten.

Als Rapper ist Bushido mit echten Königen wie Eminem und Jay-Z oder jüngeren Virtuosen wie Kendrick Lamar im Grunde nicht vergleichbar. Darauf wird in Bushido-Artikeln auch gerne hingewiesen. Wirklich gut rappen kann er streng genommen tatsächlich nicht. Aber das, was im Englischen attitude genannt wird, und in dieser Kunst ebenso entscheidend ist wie Text und Technik - das hat er zweifellos auf internationalem Niveau. Man muss das ja erst mal schaffen, Verse wie die zitierten, die sich wie ihre eigenen Parodien lesen, so vorzutragen, dass sie nicht lächerlich, sondern wirklich nach scheußlichen Herrenmenschenfantasien klingen.