Richard Linklater auf der Spur der Zeit "Es kommt auf den Moment an"

Ein Kind versucht, ein Gefühl für das Dasein zu bekommen: Ellar Coltrane als Mason am Anfang von "Boyhood".

(Foto: Universal Pictures International)

Er ist ein Meister des Timings und des originellen Dialogs. Im "Coming-of-age"-Film "Boyhood" packt Richard Linklater nun seine ganze Menschenkenntnis in eine Familiengeschichte, die einen faszinierenden Langzeiteffekt entfaltet. Ein Gespräch über die Sensationen des Alltags und seine Freundschaft mit der Zeit.

Von Paul Katzenberger

Wie man mit cleverer Reduktion die Wirkung von Spielfilmen steigert, hat Richard Linklater schon in seiner "Before"-Trilogie bewiesen. In seinem neuen Film "Boyhood" übertrifft sich der amerikanische Regisseur nun selbst. Denn eigentlich könnte die Coming-of-age-Geschichte von Mason (gespielt von Ellar Coltrane) kaum banaler sein. Es ist das Drama eines von Millionen Scheidungskindern, das mit unzuverlässigem Vater (Ethan Hawke als Mason senior) und beharrlicher Mutter (Patricia Arquette als Violetta) aufwächst. Als sich einer von den falschen Männern, an die die Mutter leider immer wieder gerät, als gewalttätig erweist, muss die Kleinfamilie überstürzt bei einer Freundin Asyl suchen. Wer weitere Schockmomente dieser Art erwartet hätte, wird enttäuscht. Vielmehr geht es in diesem Plot um die Beiläufigkeiten des Alltags, die sich stetig aneinander reihen.

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Dennoch ist "Boyhood" ein spektakulärer Film geworden, was hauptsächlich daran liegt, dass er über einen Zeitraum von zwölf Jahren entstanden ist. Die Wirkung ist gewaltig, sieht der Zuschauer den Schauspielern doch buchstäblich dabei zu, wie sich nicht nur ihre Figuren entwickeln, sondern auch sie selbst: Aus den pausbäckigen Kindern, zu denen neben Ellar auch Linklaters Tochter Lorelei zählt, werden idealistische Teenager und aus ihren Erzeugern, die zunächst mit ihrer eigenen Jugend kämpfen, abgeklärte Erwachsene. Und so vermittelt "Boyhood" ein Gefühl für etwas, was sich so schwer reproduzieren lässt: das schöpferische und zugleich nagende Regiment der Zeit.

SZ: Hatten Sie die Handlung von "Boyhood" schon im Kopf, als Sie mit den Dreharbeiten begannen, oder entwickelten Sie die Geschichte spontan weiter, je nachdem wie sich die Protagonisten im echten Leben veränderten?

Richard Linklater: Ein bisschen von beidem. Die grundsätzliche Situation einer alleinerziehenden Mutter, die mit ihren Kindern umzieht, hatte ich vorgegeben. Aber in den Details war ich offen. Am Anfang dachte ich, dass Ellar ein Musiker werden würde, wie sein Vater im Film. Doch dann stellte sich heraus, dass er im echten Leben eher eine visuelle Ader hatte, er fing mit der Fotografie an. Solche Sachen habe ich eingearbeitet.

Diese Arbeitsweise erfordert Anpassungsfähigkeit. Hatten Sie manchmal das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren?

Meine Zuversicht war von Anfang an groß, dass ich den Film mit der Realität in Einklang bringen könnte, egal welche Wendungen das echte Leben der Schauspieler nehmen würde. Eben so, wie unser aller Leben abläuft: Du kannst nicht vorhersagen, was genau passieren wird, aber Du weißt, dass etwas im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten geschehen wird.

Um zu wissen, was genau mit den Menschen im echten Leben passiert, mussten Sie Ihre Darsteller wahrscheinlich regelmäßig treffen.

Wir standen während der ganzen Zeit ziemlich stark in Kontakt miteinander. Die Kinder veränderten sich viel schneller als die Erwachsenen, ihre Entwicklung war natürlich leichter darstellbar. Ich habe mich mit Ellar regelmäßig getroffen - wir haben gemeinsam zu Mittagessen gegessen oder sind herumgebummelt. Mir war es wichtig, ein Gefühl dafür zu bekommen, an welchem Punkt seiner Entwicklung er jeweils stand. Und ich wollte nicht, dass er im Film etwas darstellen muss, was er nicht irgendwie schon kannte.

Wenn ein Projekt auf zwölf Jahre angelegt ist, kann immer etwas dazwischen kommen. Gab es Momente, in denen die Fertigstellung von "Boyhood" gefährdet war?

Nein, nichts Dramatisches. Es war eine Herausforderung, jedes Jahr daran weiterzuarbeiten. Einmal wollte meine Tochter hinschmeißen, sie fragte mich, ob ihre Figur sterben könnte. Aber nach einem Jahr konnte ich sie überzeugen, wieder einzusteigen. Wir haben einfach mit der Zeit zusammengearbeitet, und die Zeit war unser Freund.

Sie thematisieren vor allem die Nebenaspekte des Heranwachsens und sparen die typischen Traumata der Jugend aus, also den ersten Tag im Kindergarten, den ersten Kuss oder ersten Sex. Trotzdem packt einen der Film. Wie ist es Ihnen gelungen, den Zuschauer mit all diesen Alltäglichkeiten zu fesseln?

Aus der Sicht eines Erwachsenen sind das Alltäglichkeiten, wie Sie es nennen. Aber aus dem Blickwinkel eines Kindes sind das Dinge, die ziemlich dramatisch sind. Du ziehst um, und Du kommst mitten in der Woche neu in die Klasse. Oder eine Beziehung scheitert.