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Richard Linklater auf der Spur der Zeit:"Es kommt auf den Moment an"

Lesezeit: 5 min

Er ist ein Meister des Timings und des originellen Dialogs. Im "Coming-of-age"-Film "Boyhood" packt Richard Linklater nun seine ganze Menschenkenntnis in eine Familiengeschichte, die einen faszinierenden Langzeiteffekt entfaltet. Ein Gespräch über die Sensationen des Alltags und seine Freundschaft mit der Zeit.

Von Paul Katzenberger

Wie man mit cleverer Reduktion die Wirkung von Spielfilmen steigert, hat Richard Linklater schon in seiner "Before"-Trilogie bewiesen. In seinem neuen Film "Boyhood" übertrifft sich der amerikanische Regisseur nun selbst. Denn eigentlich könnte die Coming-of-age-Geschichte von Mason (gespielt von Ellar Coltrane) kaum banaler sein. Es ist das Drama eines von Millionen Scheidungskindern, das mit unzuverlässigem Vater (Ethan Hawke als Mason senior) und beharrlicher Mutter (Patricia Arquette als Violetta) aufwächst. Als sich einer von den falschen Männern, an die die Mutter leider immer wieder gerät, als gewalttätig erweist, muss die Kleinfamilie überstürzt bei einer Freundin Asyl suchen. Wer weitere Schockmomente dieser Art erwartet hätte, wird enttäuscht. Vielmehr geht es in diesem Plot um die Beiläufigkeiten des Alltags, die sich stetig aneinander reihen.

Dennoch ist "Boyhood" ein spektakulärer Film geworden, was hauptsächlich daran liegt, dass er über einen Zeitraum von zwölf Jahren entstanden ist. Die Wirkung ist gewaltig, sieht der Zuschauer den Schauspielern doch buchstäblich dabei zu, wie sich nicht nur ihre Figuren entwickeln, sondern auch sie selbst: Aus den pausbäckigen Kindern, zu denen neben Ellar auch Linklaters Tochter Lorelei zählt, werden idealistische Teenager und aus ihren Erzeugern, die zunächst mit ihrer eigenen Jugend kämpfen, abgeklärte Erwachsene. Und so vermittelt "Boyhood" ein Gefühl für etwas, was sich so schwer reproduzieren lässt: das schöpferische und zugleich nagende Regiment der Zeit.

SZ: Hatten Sie die Handlung von "Boyhood" schon im Kopf, als Sie mit den Dreharbeiten begannen, oder entwickelten Sie die Geschichte spontan weiter, je nachdem wie sich die Protagonisten im echten Leben veränderten?

Richard Linklater: Ein bisschen von beidem. Die grundsätzliche Situation einer alleinerziehenden Mutter, die mit ihren Kindern umzieht, hatte ich vorgegeben. Aber in den Details war ich offen. Am Anfang dachte ich, dass Ellar ein Musiker werden würde, wie sein Vater im Film. Doch dann stellte sich heraus, dass er im echten Leben eher eine visuelle Ader hatte, er fing mit der Fotografie an. Solche Sachen habe ich eingearbeitet.

Diese Arbeitsweise erfordert Anpassungsfähigkeit. Hatten Sie manchmal das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren?

Meine Zuversicht war von Anfang an groß, dass ich den Film mit der Realität in Einklang bringen könnte, egal welche Wendungen das echte Leben der Schauspieler nehmen würde. Eben so, wie unser aller Leben abläuft: Du kannst nicht vorhersagen, was genau passieren wird, aber Du weißt, dass etwas im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten geschehen wird.

Um zu wissen, was genau mit den Menschen im echten Leben passiert, mussten Sie Ihre Darsteller wahrscheinlich regelmäßig treffen.

Wir standen während der ganzen Zeit ziemlich stark in Kontakt miteinander. Die Kinder veränderten sich viel schneller als die Erwachsenen, ihre Entwicklung war natürlich leichter darstellbar. Ich habe mich mit Ellar regelmäßig getroffen - wir haben gemeinsam zu Mittagessen gegessen oder sind herumgebummelt. Mir war es wichtig, ein Gefühl dafür zu bekommen, an welchem Punkt seiner Entwicklung er jeweils stand. Und ich wollte nicht, dass er im Film etwas darstellen muss, was er nicht irgendwie schon kannte.

Wenn ein Projekt auf zwölf Jahre angelegt ist, kann immer etwas dazwischen kommen. Gab es Momente, in denen die Fertigstellung von "Boyhood" gefährdet war?

Nein, nichts Dramatisches. Es war eine Herausforderung, jedes Jahr daran weiterzuarbeiten. Einmal wollte meine Tochter hinschmeißen, sie fragte mich, ob ihre Figur sterben könnte. Aber nach einem Jahr konnte ich sie überzeugen, wieder einzusteigen. Wir haben einfach mit der Zeit zusammengearbeitet, und die Zeit war unser Freund.

Sie thematisieren vor allem die Nebenaspekte des Heranwachsens und sparen die typischen Traumata der Jugend aus, also den ersten Tag im Kindergarten, den ersten Kuss oder ersten Sex. Trotzdem packt einen der Film. Wie ist es Ihnen gelungen, den Zuschauer mit all diesen Alltäglichkeiten zu fesseln?

Aus der Sicht eines Erwachsenen sind das Alltäglichkeiten, wie Sie es nennen. Aber aus dem Blickwinkel eines Kindes sind das Dinge, die ziemlich dramatisch sind. Du ziehst um, und Du kommst mitten in der Woche neu in die Klasse. Oder eine Beziehung scheitert.

Wir sind mit dabei, wenn Masons Beziehung scheitert. Aber würden wir das nicht noch dramatischer empfinden, wenn wir seine erste Begegnung mit Sheena (Anm. d. Red.: Zoe Graham) intensiver miterlebt hätten, oder die erste Annäherung zwischen den beiden?

Ich habe versucht, Dinge zu vermeiden, die ich schon so kannte. Die Filmgeschichte hat uns im Überfluss mit Betrachtungen über die Jugend versorgt - und mit vielen Klischees. Denn die Dinge, von denen die Menschen glauben, sie seien dramatisch, werden oft gar nicht so tief empfunden. Bei Deiner Examensfeier bist Du zum Beispiel eher so eine Art Nebendarsteller in einer größeren Inszenierung, Du spielst eine Rolle. Ich wollte aber die Momente zeigen, in denen Du wirklich mit allen Sinnen präsent bist.

Aber jeder erinnert sich doch an die großen Inszenierungen im Leben, ob das nun der Abschlussball des Tanzkurses oder das Examen war.

Ich kann mich an meine Examensfeier erinnern, aber in meinem Gedächtnis ist sie nicht sehr stark haften geblieben. Viel lebhafter habe ich hingegen noch vor Augen, wie ich danach mit meinen Freunden rumgehangen bin, wie wir getrunken haben. Oft bleiben die kleinen Dinge hängen, die die großen Dinge umgeben. Das schätze ich auch an guter Literatur. Wenn zum Beispiel Tolstoi über die Napoleonischen Kriege schreibt, dann schildert er das Leben einfacher Leute und die Dinge, die auf den ersten Blick nebensächlich erscheinen. Die Großartigkeiten, die als wichtig verkauft werden, erfüllen diesen Anspruch oft nicht, die Kleinigkeiten daneben hingegen schon.

Ging Ihr Konzept vielleicht auch auf, weil wir die Akteure in den mehr als zweieinhalb Stunden des Films recht gut kennenlernen? Einerseits sind sie alle recht eigenwillige Charaktere, andererseits erkennt fast jeder sich selbst in ihren Erfahrungen. Kann es sein, dass diese Kombination aus Speziellem und Universellem einen besonderen Reiz hat?

So funktioniert Kino: Dass der Zuschauer sich mit den Menschen identifiziert, die er vorgesetzt bekommt. Die Glaubwürdigkeit ist dabei essenziell. Du kannst Dich von einem Hauptdarsteller nicht angesprochen fühlen, wenn Du ihm nicht glaubst. Mein Ziel bei diesem Film war aber genau, den Zuschauer dazu zu bringen, sich um die Akteure zu sorgen, dass er ihnen glaubt, dass er in sie investiert. Jede weitere Minute, die er dabei bleibt, investiert er weiter in ihr Leben.

Die große Normalität hält den Zuschauer also ausnahmsweise bei der Stange, weil sie so glaubwürdig ist. Oft argumentieren Regisseure genau anders herum. Sie sagen, dass der Zuschauer im Kino das besonders Dramatische oder Lustige erwarte, Gags, Gewalt oder Sex.

Ich hoffe, der Film ist für den Zuschauer immer gerade noch lustig genug, um bei der Stange zu bleiben. Meiner Meinung nach ergibt sich durch das Miterleben der verstreichenden Zeit ein kumulativer Effekt. Und am Ende hast Du dann jede Menge in all diese Kleinigkeiten investiert. Da verlässt ein Kind das Elternhaus und geht auf's College. Wenn ich das jetzt so sage, denkt jeder, das sei nichts Besonderes. Jeder macht das schließlich. Aber für die Zuschauer von "Boyhood" ist es etwas Außergewöhnliches, denn sie haben viel Anteilnahme reingesteckt. Und sie fangen an, darüber nachzudenken, was die Trennung von Kindern und Eltern bedeutet. Genau das will der Film erreichen.

Hält Ihr Film neben dieser Nachdenklichkeit, zu der Sie das Publikum animieren wollen, eine Botschaft bereit?

Ich weiß nicht, ob es diese eine zentrale Botschaft gibt. Die Leute nehmen sich heraus, was sie wollen, je nachdem, wo sie selbst im Leben gerade stehen. Aber wenn ich eine Botschaft benennen muss, dann wohl die, dass es auf den Moment ankommt. Also das, was der Buddhismus und andere Religionen lehren: Im Hier und Jetzt zu leben. Wir wissen alle, wie schwer das ist.

Das war wohl ein Grund dafür, dass Sie auf konkrete Hinweise verzichtet haben, die ein neues Jahr ankündigen. Zwischentitel oder Voice overs hätten den Moment unterbrochen.

Ja. Und im Leben gibt es auch keine Zwischentitel. Wir nehmen die Zeit vielmehr als etwas Dahinfließendes wahr. Ich wollte, dass wir im Film die verstreichende Zeit in etwa so empfinden, wie unser Gedächtnis die Vergangenheit bewahrt, also etwas schwammig: 'Kam dieses Lied im Herbst heraus, als ich im ersten Semester war, oder war es im Frühjahr? Ich glaube, es war im Frühjahr.' Diese Schemenhaftigkeit, die typisch ist für unsere Erinnerung, wollte ich abbilden, eine dokumentarische Genauigkeit hätte dabei nur gestört.

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