Rechtspopulismus Neuer Anstrich für rechtes Denken

Pegida-Kundgebung in Dresden.

(Foto: dpa)

Wer von AfD oder Pegida spricht, muss von der Neuen Rechten sprechen. Wenn etwa Björn Höcke Angela Merkel eine "Kanzlerdiktatorin" nennt, dann liefert die Bewegung das Gedankengut.

Interview von Tobias Dirr

Die Neue Rechte gibt es bereits seit den 70er Jahren. Ihr Vordenker, der Franzose Alain de Benoist, grenzte sich damals klar von den altrechten Nazis ab. Die Juristin und Publizistin Liane Bednarz hat in ihrem gemeinsam mit Christoph Giesa verfassten Buch "Gefährliche Bürger" beschrieben, wie die Gedanken dieser Bewegung in Deutschland zunehmend Gehör finden.

SZ.de: Wer sind die Vordenker dieser Neuen Rechten heute in Deutschland?

Bednarz: Die zwei wichtigsten Gesichter sind Götz Kubitschek und Dieter Stein. Kubitschek gibt die neurechte Zeitschrift Sezession heraus und hat das "Institut für Staatspolitik" mitgegründet, einen ultra-rechten Think-Tank. Stein ist der Chefredakteur der rechtskonservativen Jungen Freiheit, bei der Kubitschek zunächst selbst Redakteur war. Stein verfolgt einen weniger radikalen Kurs als Kubitschek und distanziert sich deshalb mittlerweile von seinem ehemaligen Kollegen.

Wie zeigt sich das?

Etwa im Streit um die Ausrichtung der AfD. Die Junge Freiheit wünscht sich die AfD als eine rechte Partei, die das Parteienspektrum erweitert. Sie soll Koalitionen mit anderen Parteien eingehen dürfen und so letztlich auch dazu beitragen, dass die CDU wieder weiter nach rechts rückt. Der radikalere Zirkel um Kubitschek, dem auch Björn Höcke nahesteht, lehnt hingegen jegliche Kooperation ab. Höcke, der im "Institut für Staatspolitik" seinen rassistischen Vortrag zum Reproduktionsverhalten von Afrikanern hielt, sieht die AfD als reine "fundamental-oppositionelle Bewegungspartei", die die gesellschaftliche Ordnung in Deutschland grundlegend ändern soll.

Zuletzt veröffentlichte Liane Bednarz den Essay "Radikal bürgerlich" im Kursbuch. Dieses wird von dem Soziologen Armin Nassehi herausgegeben.

(Foto: privat)

Den Begriff der "Neuen Rechten" gibt es schon länger. Woher kommt der eigentlich?

Ursprünglich geht die Bewegung der "Nouvelle Droite" auf den ehemaligen französischen Rechtsextremisten Alain de Benoist zurück. Anfang der 70er Jahre wollte er das rechte Denken modernisieren und eine rechts-konservativen Ideologie begründen, die sich klar von den Nazis abgrenzt: Weder verehrt er Hitler, noch leugnet er den Holocaust. Zentral ist für ihn das Gedankengut der "Konservativen Revolution" zwischen den Weltkriegen.

Was bezwecken die konservativen Revolutionäre?

Zu den konservativen Revolutionären zählte etwa der umstrittene Staatsrechtler Carl Schmitt. Der sprach von einem "Pluriversum" gleichberechtigter, in sich homogener Völker. Dem Glauben, dass es eine Menschheit gebe, widerspricht er dagegen: "Wer Menschheit sagt, der lügt." Ein anderer Autor, der rechte Soziologe Robert Hepp, schreibt, dass diejenigen, die eine Weltgemeinschaft im Sinne hätten, "für weniger Gleichheit und Demokratie" sorgen. Und so ist es kaum verwunderlich, dass die konservativen Revolutionäre damals auch die angebliche "Slavisierung des Abendlandes" beklagten.

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So wie heute gegen die Islamisierung Stimmung gemacht wird?

Das lässt sich vergleichen. Benoist, der bis heute als Vordenker der Neuen Rechten gilt, prägte die Idee des "Ethnopluralismus". Das klingt erst mal nach Multikulti, ist aber das glatte Gegenteil. Sein Ideal ist die Homogenität der einzelnen Rassen bzw. Kulturen. Anders als bei den Nazis gibt es in dieser Gedankenwelt zwar keine Herrenrasse, die anderen überlegen wäre, aber jede Kultur soll möglichst unter sich bleiben. Den Kulturen wird eine abstrakte Gleichwertigkeit zugestanden. Allerdings vertreten die Neuen Rechten die Vorstellung, dass Menschen nur innerhalb ihrer eigenen Kultur eine Identität entwickeln können. Denn nur in einer homogenen Gesellschaft, so die Idee, könne ein echter Volkswille entstehen.

Und wie soll sich dieser "Volkswille" der Politik offenbaren?

In Form einer sogenannten identitären Demokratie. In der pluralistischen Demokratie, in der wir heute leben, gibt es verschiedene Parteien, die für eine gewisse Zeit gewählt und dann möglicherweise wieder abgewählt werden. Anhänger einer identitären Demokratie glauben, dass nur eine Partei alleine den Willen des Volkes permanent erspüren und umsetzen kann - was letztlich auf nichts anderes als ein Ein-Parteien-System hinausläuft. Denn im Wettstreit der unterschiedlichen Meinungen werde das Volk auseinander dividiert. Auch diese Vorstellung knüpft an die Vorstellungen der Vertreter der "Konservativen Revolution" an, die das Parlament der Weimarer Demokratie mit seinen vielen unterschiedlichen Parteien abschätzig "Schwatzbude" nannten.