Occupy-Wall-Street-Streit "Lasst euch nicht umarmen!"

Die Occupy-Bewegung ist in Gefahr. Falsche Freunde wie Bill Clinton arbeiten an der Verwässerung der Prostbewegung. Sie raten: Seid nicht dagegen, sondern dafür. Doch für konkrete Forderungen ist es zu früh.

Von Slavoj Žižek

Was tun - jetzt, nach der Belagerung der Wall Street, nachdem die Proteste, die weit weg begannen (im Nahen Osten und Afrika, in Griechenland, Spanien, England), ihr Zentrum erreicht haben und jetzt wieder über den Globus rollen? Eine der großen Gefahren ist es, dass sich die Demonstranten verlieben - in sich selbst und in die schöne Zeit, die sie an den "belagerten" Orten verbringen. Bei einer Belagerung in San Francisco versuchte am vergangenen Sonntag doch tatsächlich jemand, die Menge zum Mitmachen zu animieren, als sei man bei einem Happening von Sechziger-Jahre-Hippies: "Man fragt uns, was unsere Agenda ist. Wir haben keine Agenda. Wir sind hier, um eine gute Zeit zu verbringen."

Žižek rät den Demonstranten: "Alles, was wir jetzt sagen, kann uns weggenommen werden - alles, nur nicht unser Schweigen."

(Foto: AFP)

Karnevalsspäße sind billig zu haben - was sie wirklich wert sind, wird erst der Morgen danach ans Licht bringen. Dann wird sich zeigen, was wirklich geblieben ist und wie sich unser Alltagsleben verändert hat. Verlieben sollten sich die Demonstranten jedenfalls in das harte, geduldige Arbeiten - sie stehen erst am Anfang, nicht am Ende. Deshalb lautet ihre zentrale Botschaft: Das Tabu ist gebrochen, wir leben nicht in der besten aller Welten, wir dürfen nicht nur, wir sollten sogar über Alternativen nachdenken.

So ist die Linke der westlichen Welt in einer Art Hegel'schem Dreischritt wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückgekehrt: Nachdem man den "Essentialismus des Klassenkampfes" zugunsten einer Vielzahl einzelner Anstrengungen wie dem Antirassismus oder dem Feminismus aufgegeben hatte, hat das Problem nun wieder einen Namen bekommen: "Kapitalismus". Die erste Lektion, die es also zu lernen gilt, ist: Schiebt die Schuld nicht auf die Einstellung der Leute. Das Problem sind nicht Korruption und Gier an sich, sondern das System, das einen zur Korruption verleitet. Die Lösung liegt nicht in dem Slogan "Main Street, not Wall Street", sondern darin, ein bestehendes System zu ändern, in dem die Main Street nicht ohne die Wall Street funktionieren kann.

Ein langer Weg liegt vor uns. Bald werden wir uns den wirklich schwierigen Fragen widmen müssen - Fragen, die sich darum drehen, was wir wollen, und nicht mehr, was wir nicht wollen. Welche Gesellschaftsform ist imstande, den bestehenden Kapitalismus zu ersetzen? Von welchem Schlage müssen die neuen Anführer sein? Und welche Organe, einschließlich jener der Kontrolle und Gewaltausübung, brauchen wir? Die Alternativen, die uns das 20. Jahrhundert aufgezeigt hat, waren bekanntlich keine guten. Auch wenn es spannend sein mag, sich über die "horizontal organisierte" Protestkultur mit ihrer egalitären Solidarität und ihren zeitlich unbegrenzten, freien Debatten zu freuen, müssen wir auch konkrete Antworten auf die alte Frage Lenins finden: "Was tun?"

Es ist einfach, den direkten Angriffen aus dem konservativen Lagern zu begegnen. Sind die Proteste unamerikanisch? Wenn die konservativen Fundamentalisten behaupten, Amerika sei eine christliche Nation, dann sollte man sich vor Augen halten, was das Christentum eigentlich ist: der Heilige Geist, die freie, egalitäre Gemeinschaft von Gläubigen, vereint in der Liebe. So sind es die Demonstranten, die zum Heiligen Geist geworden sind, während die Heiden an der Wall Street falschen Götzen huldigen.

Sind die Demonstranten gewalttätig? Es stimmt, dass ihre Sprache mit Begriffen wie Besetzung gewalttätig erscheinen mag, aber sie selbst sind es nur in dem Sinne, in dem auch Mahatma Gandhi als gewalttätig gelten kann. Sie sind gewalttätig, weil sie den Lauf der Dinge stoppen wollen - aber was ist diese Gewalt schon verglichen mit der Gewalt, die nötig ist, um das reibungslose Funktionieren des globalen kapitalistischen Systems aufrechtzuerhalten?

Man nennt sie Verlierer - aber befinden sich die wahren Verlierer nicht an der Wall Street? Und hat man diese nicht mit Hunderten Milliarden unseres Geldes freigekauft? Man nennt sie Sozialisten - nur gibt es in den Vereinigten Staaten schon einen Sozialismus, nämlich einen Sozialismus für die Reichen. Man beschuldigt sie, das Privateigentum nicht zu respektieren - aber die Spekulationen an der Wall Street, die zu dem Crash von 2008 geführt haben, haben mehr Privateigentum zunichtegemacht, als die Demonstranten je zerstören könnten - man denke nur an die Tausenden Häuser, die zwangsversteigert wurden.

Sie sind keine Kommunisten, wenn mit Kommunismus das System gemeint ist, das 1990 verdientermaßen zusammengebrochen ist. Und wir sollten nicht vergessen, dass die Kommunisten, die noch an der Macht sind, die skrupelloseste Form von Kapitalismus betreiben (ich spreche von China).

Sie werden als Träumer abgetan, aber die wahren Träumer sind jene, die glauben, dass die gegenwärtigen Verhältnisse - mit einigen wenigen kosmetischen Korrekturen - für immer fortbestehen könnten. Sie sind keine Träumer, sie erwachen vielmehr gerade aus einem Traum, der dabei ist, sich in einen Albtraum zu verwandeln. Sie zerstören nichts, sie reagieren nur auf die Art und Weise, wie sich das System nach und nach selbst zerstört. Wir alle kennen die Szene aus Zeichentrickfilmen: Die Katze erreicht eine Klippe, aber sie geht einfach weiter und ignoriert die Tatsache, dass sie keinen Boden mehr unter den Füßen hat. Sie fällt erst, als sie den Abgrund unter sich erblickt.

Doch Verteidigung ist einfach. Die Demonstranten sollten sich aber auch vor jenen falschen Freunden hüten, die so tun, als würden sie sie unterstützen, die aber in Wirklichkeit bereits heftig an der Verwässerung der Protestbewegung arbeiten. So, wie man uns Kaffee ohne Koffein, Bier ohne Alkohol und Eiscreme ohne Fett vorsetzt, werden die Mächtigen versuchen, die Proteste als harmlose, moralistische Bewegung abzutun.

Beim Boxen spricht man von einem Clinch, wenn jemand seinen Gegner umarmt, um Schläge zu unterbinden oder zu erschweren. Bill Clintons Reaktion auf die Proteste an der Wall Street ist ein gutes Beispiel für politisches Clinchen. Clinton glaubt, dass die Proteste "alles in allem ... eine positive Sache" seien, aber er ist besorgt darüber, wie verworren die ganze Angelegenheit ist: "Sie müssen für eine bestimmte Sache eintreten und dürfen nicht bloß immer dagegen sein, denn wenn man nur gegen etwas ist, wird jemand anders das Vakuum ausfüllen, das man schafft", sagte er. Clinton schlug den Demonstrierenden vor, sich hinter Obamas Arbeitsmarkt-Strategie zu stellen, die, wie dieser behauptete, "einige Millionen Stellen in den nächsten eineinhalb Jahren schaffen" würde.

Man sollte in dieser Phase der Versuchung widerstehen, die Energie der Proteste auf die Schnelle in eine Reihe "konkreter" Forderungen zu übersetzen. Ja, die Proteste haben ein Vakuum geschaffen - ein Vakuum im Feld der vorherrschenden Ideologie. Man braucht Zeit, um dieses Vakuum in angemessener Weise zu füllen, denn es ist ein bedeutungsschwangeres Vakuum, es eröffnet wahrhaft Neues. Der Grund, warum die Demonstranten auf die Straße gegangen sind, ist, dass sie genug hatten von einer Welt, in der es reicht, dass man seine Coladosen recycelt und wohltätigen Organisationen ein paar Dollar spendet, um sich gut zu fühlen. Sie haben erkannt, dass sie es lange hingenommen haben, dass ihre politische Mitsprache outgesourct wurde. Jetzt wollen sie sie zurück.

Die Kunst der Politik besteht auch darin, auf einer ganz bestimmten Forderung zu beharren, die, wenngleich sie durchaus "realistisch" ist, die vorherrschende Ideologie mitten ins Herz trifft, das heißt, die, während sie zweifellos umsetzbar und legitim ist, de facto unmöglich ist (wie etwa die allgemeine Krankenversicherung in den Vereinigten Staaten). Im Anschluss an die Proteste an der Wall Street sollten wir in jedem Fall Menschen mobilisieren, die solche Forderungen unterstützen. Gleichzeitig ist es aber nicht weniger wichtig, sich vom pragmatischen Feld der Verhandlungen und der "realistischen" Vorschläge fernzuhalten. Man sollte immer daran denken, dass jede im Hier und Jetzt geführte Debatte notwendigerweise immer eine Debatte auf feindlichem Gebiet bleiben muss: Es braucht Zeit, die neuen Inhalte in Stellung zu bringen. Alles, was wir jetzt sagen, kann uns weggenommen werden - alles, nur nicht unser Schweigen. Dieses Schweigen, diese Verweigerung des Dialogs, aller Formen des Clinchens, ist unser "Terror" - bedrohlich und gefährlich, ganz so, wie es sein muss.

Der Autor ist Philosoph. Zuletzt erschien von ihm "Die bösen Geister des himmlischen Bereichs: Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert".

Aus dem Englischen von Franz Himpsl