Marseille als Kulturhauptstadt Zwischen Gewalt und Sonnenschein

Ein Drittel der Einwohner an der Armutsgrenze, jede zehnte Familie mit nur einem Elternteil, Drogenhandel: Marseille ist die ärmste unter Frankreichs Regionalmetropolen und kämpft um ihr Image. Ist sie gewappnet für den Titel der künftigen europäischen Kulturhauptstadt?

Von Joseph Hanimann

Die Schlagzeilen kamen wie erhofft, ein Jahr vor dem Kulturhauptstadttermin Marseilles, nur waren es nicht die richtigen. Fünf Männer insgesamt, so wurde gemeldet, seien innerhalb eines Monats auf offener Straße erschossen worden. Es waren alles Morde unter rivalisierenden Clans in der Szene des Drogenhandels.

Die südfranzösische Hafenstadt bestätigt das Klischee von Gewalt und Sonnenschein, während auf den verwitterten Plakatwänden der Bürgermeister Jean-Claude Gaudin vor einer Kulisse aus Baukränen seinen Leuten ein glückliches neues Jahr wünscht. Marseille inszeniert Veränderung und kämpft gegen üble Nachrede.

Zum Beispiel die, dass sie als Kulturhauptstadt Europas für das Jahr 2013 nicht gewappnet wäre. Tatsächlich mögen ein paar Projekte den Peitschenschlag dieses Termins nötig gehabt haben. Doch lag die Verzögerung nicht immer an Marseille selbst. Das neue Musée des Civilisations Europe Méditerranée (MuCEM) etwa wurde vor zehn Jahren als erstes großes Staatsprojekt Frankreichs außerhalb der Hauptstadt Paris angekündigt und sollte die Sammlung des inzwischen geschlossenen Pariser Volkskunstmuseums im Bois de Boulogne aufnehmen.

Der aus dem Architekturwettbewerb sieghaft hervorgegangene Bauentwurf von Rudy Ricciotti am Fuß des ehemaligen Hospitaliter-Forts Saint-Jean am alten Hafeneingang blieb dann aber auf dem Papier stecken. Nun tanzen endlich die Kräne. Mit seiner ständigen Sammlung im alten Fort und zwei thematischen Ausstellungen im Neubau soll das Museum im nächsten Jahr termingerecht eingeweiht werden.

Fehlgeleitete Architekturprojekte

Im Stadtgefüge Marseilles wird es ein neues Kernstück sein. Von der ehemaligen Hafenmole wird ein Steg durchs Fort Saint-Jean über die Verkehrsschneise der nördlichen Stadteinfahrt hinweg eine direkte Verbindung ins heute reizvolle Altstadtviertel Le Panier herstellen. Schade nur, dass Ricciottis massiver Glaskasten in seinem aus Beton gehäkelten Spitzenkleid die ganze Umgebung verstellt und das ebenfalls im Bau befindliche Centre régional de la Méditerranée (CeReM), eine luftige Raumskulptur des Italieners Stefano Boeri, zu Boden drückt.

La Méditerranée und dessen Kultur der Geselligkeit, der langen Mittagszeit, der hitzigen Rede, der vergnügten Improvisation wird da wie ein trotziges Glaubensbekenntnis gefeiert. Gegenüber der Rechthaberei des nördlichen Buchhalter-Europa stehe er an der Seite der Griechen, Italiener, Spanier, mögen diese in ihrem Staatshaushalt auch ein paar Rechenfehler gemacht haben - sagt Michel Vauzelle, der Vorsitzende der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur. Er ist der Hauptinitiator des CeReM-Kulturzentrums. Was darin zu sehen sein wird, weiß er allerdings noch nicht so genau.

In der Nord-Süd-Falle

Er weiß hingegen zwei Dinge: dass die von Sarkozy angeregte Mittelmeerunion auf Staatenebene tot ist, bevor sie wirklich lebte, und dass das europäische Mittelmeerufer sich hinter der Schengener Kontinentalsperre und hinter den nationalen Staatsgrenzen abzuschotten versucht ist, mit einem besonders hohen Anteil von Le-Pen-Wählern an der französischen Küste. Dagegen will der Regionalpolitiker Vauzelle regionale Brücken schlagen rund ums Mittelmeer. Denn er weiß auch, dass im Fall einer Verschärfung des Nord-Süd-Gefälles Marseille in der ersten Reihe des Problemfelds säße.

Ein Stück weit gehören die Sozialkonflikte schon mit zum Alltag der Stadt. Das Baufieber, das vorab den nördlichen, ärmeren Teil von Marseille erfasst hat, kann darüber nicht hinwegtäuschen. Die Großsiedlungen aus den sechziger Jahren sind teilweise zu Geisterstädten verkommen, in denen der Drogenhandel blüht und die Polizei sich nur noch mit Verstärkung bewegt. Der Rückgang des Industrie- und Hafenbetriebs hat die Arbeitslosigkeit erhöht. Die Hälfte der Haushalte ist nicht einkommenssteuerpflichtig, ein Drittel der Einwohner lebt an der Armutsgrenze, jeder zehnten Familie fehlt ein Elternteil. Marseille ist zwar die größte, zugleich aber die ärmste unter Frankreichs Regionalmetropolen.

Dieser Stagnation sucht man seit 1995 mit der Riesenbaustelle "Euroméditerranée" zwischen dem Hauptbahnhof Saint-Charles und dem Hafenviertel La Joliette zu entkommen. Die Hafenfront wird erneuert, ein Hochhaus von Zaha Hadid steht schon, ein Konzertsaal im ehemaligen Kornspeicher Le Silo wurde gerade eingeweiht, eine schicke Flaniermeile um die zur Zeit noch von Schnellstraßen umgebene Kathedrale La Major über dem Hafen soll folgen.

"Es könnte gar nicht besser sein"

mehr...