Literatur Warum ein Informatiker der Nato vergessene Bücher rezensiert

In diesem Teil der Yale University, der "Beinecke Rare Books and Manuscripts Library", sind vor allem seltene Bücher untergebracht - der Informatiker Brad Bigelow interessiert sich allein für solche Literatur.

(Foto: Wikimedia Commons)

Brad Bigelow hat ein sehr eigentümliches Hobby: Er bespricht auf seinem Blog Literatur, die niemand mehr beachtet - und bringt manches Buch wieder in die Läden.

Von Pia Ratzesberger, Brüssel

Sie wäre wohl vergessen worden, wie so viele andere, vor ihr und nach ihr. Dabei stand ihr Buch einmal auf der Bestsellerliste der New York Times, neben dem von John Updike, "Der Zentaur", ihres hieß: "Wenn die Mondblumen blühen". Von Jetta Carleton. Es erscheine nur selten ein Buch, bei dem man wieder dankbar sei, lesen zu können, schrieb damals ein Kritiker, es war das Jahr 1962.

Carleton erzählte in ihrem Roman von einer Farm in Missouri, auch in Deutschland stand sie zwei Jahre später auf einer Bestsellerliste, erster Platz. Doch während die Buchläden von John Updike noch einen Roman verkauften und noch einen, verschwand Jetta Carleton aus den Regalen. Ihr Name aus der Erinnerung. Bis fast ein halbes Jahrhundert später ein Mann in Brüssel beginnt zu lesen.

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Brad Bigelow arbeitet als Informatiker bei der Nato, einmal in der Woche aber setzt er sich am Abend an seinen Computer und schreibt eine Rezension für seinen Blog Neglected Books, "vernachlässigte Bücher". Brad Bigelow ist 59 Jahre alt, er schreibt über Bücher wie die von Carleton, die im einen Moment erfolgreich und im nächsten vergessen sind, aber auch über Bücher, die nie erfolgreich waren, und das waren die meisten. Millionen vergessene Bücher, um die 700 hat er besprochen, bislang. Die Geschichte von Brad Bigelow ist auch die Geschichte eines Mannes, der versucht das Chaos zu ordnen. Die Geschichte eines Mannes, der nie fertig sein wird.

Wenn dieser Mann an der Porte de Namur aus der Metro steigt, könnte man meinen, er arbeite bei der Bank gegenüber, er trägt Anzug, eine rote Krawatte auf hellblauem Hemd. Den Kaffee bestellt er auf Französisch, Bücher aber liest er nur auf Englisch. Nur englische Ausgaben, vor allem aus den vergangenen zwei Jahrhunderten, noch immer: zu viel. Als Bigelow vor zehn Jahren die erste Rezension schrieb, hätte er nicht geglaubt, dass er zehn Jahre später noch immer schreibt. Er hat es unterschätzt. Und trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen liest er weiter, er bewertet und archiviert, jede Woche. "Ein kleiner Schritt gegen die Entropie", sagt er.

Warum hat das eine Buch Erfolg und das andere nicht?

In den 70er-Jahren streifte Bigelow in Washington durch die Gänge der Bibliotheken, er studierte Englisch, aber vor allem Mathematik. Wenn er den Kopf freikriegen wollte von Differenzialgleichungen, ging er die meterhohen Regale entlang, nahm sich irgendein Buch heraus und begann zu lesen. Zum Beispiel in "Other Ranks", von W. V. Tilsley. Ein Soldat an der Front im ersten Weltkrieg, "kurze Sätze, fast telegrafisch", schreibt Bigelow viele Jahre später auf seinem Blog, die Poesie liege "zwischen den Zeilen".

"Könnte ich nur ein Buch auswählen, das neu aufgelegt werden sollte, es wäre dieses", steht in seinem Eintrag vom 6. Juli 2006. "Other Ranks" ist bis heute nicht noch einmal erschienen, aber der Roman von Jetta Carleton. Warum das eine und nicht das andere? Diese Frage stellen sich Autoren und Händler und Verlage immer wieder. Brad Bigelow glaubt, sie unterschätzen das Glück.

Er las vor ein paar Jahren ein Buch mit dem Titel "13 Ways of Looking at the Novel", was so viel heißt wie: 13 Möglichkeiten, den Roman zu betrachten. Darin Essays über hundert Romane, "Moby Dick" und "Ulysses". Brad Bigelow kannte 99 Titel. Einen nicht. "Wenn die Mondblumen blühen", von Jetta Carleton. "Das Komische und das Tragische geht in diesem Buch mit einem sparsamen Realismus einher", schreibt er am 23. Dezember 2006 auf seinem Blog. Eine Mitarbeiterin eines amerikanischen Verlages wird diese Rezension später lesen. Im Jahr 2009 liegt der Roman wieder in den Buchläden.

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In Deutschland erscheinen in einem Jahr um die 89 000 Buchtitel, aber die Umsätze sinken, vielleicht setzen Verlage auch deshalb gerne auf Altbewährtes. Vor kurzem hat der Zeitverlag eine "Bibliothek der verschwundenen Bücher" herausgegeben mit Autoren wie Alberto Moravia oder Françoise Sagan. Er bekomme hin und wieder Anfragen von Verlagen, ob er nicht einen Roman bespreche wolle, den sie gerade neu auflegen, sagt Bigelow, er antwortet dann: "Natürlich nicht."

Wenn ein Buch wieder gedruckt worden sei, brauche das vielleicht noch Aufmerksamkeit, aber das interessiere ihn nicht. "Ich schaue gerne Dinge an, die sonst keiner ansieht." In den Bibliotheken damals in Washington mied er die Lesesäle, suchte sich lieber eine Ecke zwischen den Regalen, eine Nische.

Innerhalb einer Woche besuchen um die 3000 Menschen seinen Blog Neglected Books, Bigelow würde nie über ein Buch schreiben, von dem er glaube, dass es keinen anderen interessiere. "Aber wenn ich es interessant finde, ist die Wahrscheinlichkeit bei sieben Milliarden Menschen auf diesem Planet hoch, dass es auch jemand anderem so geht." Und ein anderer reicht Brad Bigelow schon.

Wenn ein Buch wieder gedruckt werde, freue ihn das, er warte aber nicht jeden Tag auf die magische E-Mail. Er habe genug zu tun. Außerdem sei das doch nur ein Hobby, sagt Bigelow, andere in seinem Alter spielten Golf, er habe eben den Blog. Seine Kinder fänden das ein wenig seltsam, die meisten seiner Kollegen wüssten nichts davon. Auf Neglected Books findet sich kein Hinweis auf den Autor der Seite. Keine Adresse, nicht einmal ein Name. Brad Bigelow will ja nicht seinen Namen bewahren.

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