Kommentierte Ausgabe Quellen von "Mein Kampf": Antisemiten, Rassehygieniker, Wirrköpfe

Eine Originalausgabe von "Mein Kampf" ist in den Räumen des Instituts für Zeitgeschichte ausgestellt.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Die kritische Edition der Hassschrift muss vor allem die Frage beantworten: Welche "Denker" nutzte der Autor Adolf Hitler?

Von Jens Bisky

Zwei Klicks reichen, und man kann beide Bände der autobiografischen Hetzschrift "Mein Kampf" lesen, meist in einer der Ausgaben aus der Zeit des Dritten Reiches. Bis 1944 waren etwa 12,5 Millionen Exemplare ausgeliefert worden. Daher findet man das Buch noch immer in Antiquariaten oder unter den Büchern der Großeltern.

Der Text war nie verschwunden, er wurde studiert, in gut 80 ernst zu nehmenden Hitler-Biografien gedeutet, er wurde von Kabarettisten wie Helmut Qualtinger oder Serdar Somuncu vorgelesen.

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Im Januar nun wird endlich eine kommentierte Ausgabe erscheinen, erarbeitet am Institut für Zeitgeschichte. Die kritische Edition wird auf keiner Seite reinen Hitler-Text bieten, sondern diesen mit Anmerkungen, Erläuterungen, Korrekturen einfassen. Das ehrgeizige Unternehmen reagiert auf eine geschichtspolitische Herausforderung, indem es Grundlagenforschung darbietet.

Bis zum 31. Dezember liegen die Urheberrechte an "Mein Kampf" beim Freistaat Bayern, der seit dem Krieg jede Neuausgabe in Deutschland verhindert hat. Vom 1. Januar 2016 an aber kann, wer immer will, ohne gegen Urheberrechte zu verstoßen, Hitlers Schrift nachdrucken und unter die Leute bringen, verkaufen oder verschenken.

Wahrscheinlich werden dann Prozesse wegen Volksverhetzung folgen; unklar ist, wie die Gerichte entscheiden. Übersetzungen und Fassungen in anderen Sprachen gab es all die Jahre reichlich: In Indien sollen Management-Studenten gern zu diesem Buch greifen, in Kairo kann man es kaufen, in der Türkei war es ein Bestseller.

In Deutschland ist lange darüber gestritten worden, wie man mit "Mein Kampf" verfahren soll, sobald das Urheberrecht erlischt. 2006 hat der große, vor Kurzem verstorbene Zeithistoriker Hans Mommsen in der SZ eine kommentierte Ausgabe gefordert. Seine Initiative aber wurde, wie viele ähnliche davor, zurückgewiesen.

Erst nach langem Hin und Her beauftragten Staatskanzlei und Kultusministerium schließlich das Institut für Zeitgeschichte, eine solche Ausgabe zu erarbeiten, diese auch im Internet zugänglich zu machen und eine gekürzte Schulausgabe zusammenzustellen. 500 000 Euro Fördergeld stellte man bereit - ein Entschluss, der jedoch schon 2013 wieder zurückgenommen wurde.

Er könne nicht in Karlsruhe ein NPD-Verbot beantragen, sagte Ministerpräsident Horst Seehofer, und anschließend noch "unser Staatswappen" für die Verbreitung von "Mein Kampf" hergeben. Also gab es keine zusätzlichen Steuergelder für die Ausgabe; diese wurde aber auch nicht behindert.

Wenn von "Mein Kampf" die Rede ist, dem Buch, dessen Titel jeder kennt, fallen regelmäßig zwei kritisch klingende Sätze: Das Buch sei furchtbar schlecht geschrieben. Und: Ja, es wurde zwar gekauft und verteilt, aber gelesen hat das doch keiner.

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Beide Sätze lassen sich so nicht halten, müssen präzisiert werden, um Einsichten zu gewinnen. Schrieb Hitler wirklich so viel schlechter als andere Autoren der völkischen Bewegung? Schlechter als Gottfried Feder etwa? Der legte mit "Der deutsche Staat auf nationaler und sozialer Grundlage" 1923 eine nationalsozialistische Programmschrift vor.

Hitlers Stil ist zu erklären, aber er ist doch nicht das entscheidende Problem. Othmar Plöckinger, einer der Herausgeber der kritischen Edition, hat vor zehn Jahren in einer Studie über "Mein Kampf" viele Indizien zusammengetragen, die nahelegen, dass das Buch nicht, wie oft behauptet, ein ungelesener Bestseller war - sondern ein selektiv gelesener.