Kinotrailer Immer an der Grenze zum Spoiler

"Als wir aus dem Kino kamen, mussten wir feststellen, dass der Trailer so ziemlich alle guten Gags gezeigt hatte" lautet ein Foren-Kommentar zu "Dark Shadows".

(Foto: Warner Bros.)

Ein Trailer soll den Film in zwei Minuten zusammenfassen, "besser sein als der Film" und nur das Ende offenlassen, finden die Produzenten. Zuschauer sind da oft anderer Meinung - die Kinobetreiber übrigens auch.

Von Nora Stöhr

Der Kinotrailer ist wie das Amuse-Gueule in einem feinen Restaurant. Als Gruß aus der Filmindustrie hat er die Aufgabe, den Appetit der Zuschauer anzuregen und sie ins Kino zu locken. Den Kinogängern wiederum soll er einen Vorgeschmack auf die Handlung geben, sollte ausführlich, aber nicht erschöpfend sein. Ein schwieriger Balanceakt, der oftmals nicht gelingen mag.

Für die Filmbranche ist der Trailer ein Werbemittel

"Der Trailer muss besser sein als der Film", lautet die Vorgabe, die die Branche laut Filmwissenschaftler Vinzenz Hediger erfüllen muss, damit ein Trailer als Werbefilm funktioniert. Er muss dichter, schneller, energetischer und klarer aufgebaut sein als der Film. Deshalb sind nicht die Regisseure für die Trailer verantwortlich, denn sie sind emotional zu stark mit ihren Werken verbunden. Stattdessen gibt es Produzenten, die sich auf Trailer spezialisiert haben. Der bekannteste unter ihnen ist wohl der deutschstämmige Andrew Kuehn, der die Branche jahrzehntelang bestimmte und unter anderem die Trailer zu Doktor Schiwago (1965), Der Weiße Hai (1975) oder Titanic (1997) gemacht hat.

Die Trailerproduzenten brechen einen zwei- oder dreistündigen Spielfilm auf etwa zweieinhalb Minuten herunter und fassen dabei den Inhalt des Films zusammen. Dem Zuschauer soll die Geschichte aus der Perspektive von jemandem erzählt werden, der den Film bereits gesehen hat und die besten Partien nochmal Revue passieren lässt. Hediger bezeichnet den Trailer deshalb als "virtuelles Gedächtnis des Films". Der Zuschauer erfährt, wer die Hauptperson ist, in welcher Situation sie sich befindet, was ihr Problem ist - und am Ende bleibt eigentlich nur noch die Frage offen: Gibt es ein Happy End?

Hat der Zuschauer da nicht das Gefühl, den kompletten Film bereits gesehen zu haben? "Genau das ist gewollt," sagt Hediger. Trailermacher Kuehn habe das dem Filmwissenschaftler in einem persönlichen Gespräch so erklärt: "Der Trailer soll die Leute ins Kino locken, aber gleichzeitig auch diejenigen, für die der Film nicht gemacht ist, vom Kino fernhalten". Über den kommerziellen Erfolg eines Films entscheiden nämlich weder die Werbung noch Kritiker, sondern vor allem das Publikum. Enttäuschte Besucher bedeuten negative Mundpropaganda, diese verbreitetet sich oftmals schneller als positive Kunde.

Dass ein Trailer nahezu die komplette Geschichte des Films preisgibt, ist ein Phänomen, das sich erst in den sechziger Jahren durchgesetzt hat. In der klassischen Hollywood-Ära von Mitte der zwanziger Jahre bis etwa 1960 lautete die Grundregel für die Trailerproduktion: Die Stars, das Spektakel und der Schauplatz werden gezeigt, aber der Plot wird auf keinen Fall preisgegeben. Gut zu sehen ist diese Prämisse etwa beim Trailer zu Howard Hawks Kriminalfilm Tote schlafen fest (1946) mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle. Heutzutage hingegen verraten Trailer im Prinzip die gesamte Geschichte - zum Unmut vieler Rezipienten.

Eine Studie des Markt- und Meinungsforschungsinstituts YouGov hat nämlich ergeben, dass 49 Prozent der amerikanischen Kinogänger der Meinung sind, die Vorschauen verraten zu viel über den Film. Außerdem können Trailer einen falschen Eindruck von einem Film vermitteln, wie ein Foren-Kommentar zu Johnny Depps letztem Blockbuster Dark Shadows deutlich macht: "Als wir aus dem Kino kamen, mussten wir feststellen, dass der Trailer so ziemlich alle guten Gags gezeigt hatte und die Geschichte, die diese Gags miteinander verband, doch recht dünn war."

Auch Kinobetreiber stören sich mittlerweile daran, dass Trailer "spoilern", also zu viel von der Geschichte des Films offenbaren. Die National Association of Theatre Owners setzt sich deshalb dafür ein, dass Trailer eine Gesamtlänge von zwei Minuten nicht überschreiten dürfen. Zudem fordert die Vereinigung der Kinobetreiber, dass die kurzen Clips erst vier Monate vor dem Filmstart gezeigt werden dürfen. Bei einer großen Hollywood-Produktion ist es nämlich durchaus üblich, dass der Film Monate bevor er in die Kinos kommt durch mehrere Trailer beworben wird, die nach und nach immer mehr von der Handlung preisgeben.

Kinogänger und -betreiber scheinen also eine andere Definition von einem guten Trailer als die Filmbranche zu haben. Dabei sollte der Trailer doch eigentlich gerade auf die Bedürfnisse der Zuschauer, die über Erfolg oder Misserfolg eines Films entscheiden, zugeschnitten sein. Die französische Filmindustrie hat vorgemacht, wie das funktionieren kann. Um sicher zu gehen, dass nicht die komplette Geschichte enthüllt wird, basieren dort seit geraumer Zeit einige Trailer nur auf der ersten Hälfte des Films.