Wim Wenders in Cannes Propaganda für Papst Franziskus

Propaganda für den Heiligen Stuhl: Der Papst besucht Afrika.

(Foto: Cannes)

Wim Wenders hat den Papst porträtiert - und das mit hemmungsloser Verehrung. Wie kam es zu der ungewöhnlichen Zusammenarbeit?

Von Tobias Kniebe

Ende 2013, Papst Franziskus war noch kein Jahr im Amt, traf bei Wim Wenders in Berlin ein Schreiben mit dem goldenen Wappen des Vatikan ein - und einer höflichen Frage. Ob er bereit sei, nach Rom zu kommen und über ein Projekt zu sprechen? Er sei überrascht gewesen, sagt Wenders, habe sich aber auch sehr geehrt gefühlt: "Ich könnte sagen, es war der Papst, der mich ausgesucht hat. Aber natürlich war er es nicht selbst, sondern seine Kommunikationsabteilung."

Seit Wenders' fertige Dokumentation "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes" am Sonntagabend beim Festival von Cannes Premiere hatte (siehe SZ vom Montag), sieht sich der Filmemacher mit Fragen konfrontiert, wie es zu der ungewöhnlichen Zusammenarbeit kam - und vor allem, wie viel künstlerische Freiheit er dabei hatte. Der Film enthält ein langes Interview mit Franziskus, das in vier Sitzungen im Vatikan aufgezeichnet wurde, und zeigt dazwischen unzählige Reden und Auftritte des Pontifex, beginnend im Jahr 1998, als er noch Jorge Mario Bergoglio hieß und Erzbischof von Buenos Aires war.

Das Centro Televisivo Vaticano, die Filmabteilung des Heiligen Stuhls, die alle Reden und Reisen des Papstes dokumentiert, lieferte nicht nur einen Großteil des Materials, sondern fungiert darüber hinaus als einer der Hauptproduzenten des Films. Für einen unabhängigen Dokumentarfilmer ist das ungewöhnlich - man stelle sich nur ein Angela-Merkel-Porträt vor, das zu großen Teilen aus Werbematerial des Bundespresseamts besteht. Wenders sagt dazu, er sei für die Materialfülle dankbar gewesen, habe aber das Recht der finalen Schnittfassung, den final cut, verlangt und bekommen: "Ich hatte unglaubliche Freiheiten bei diesem Film und keinerlei Beschränkungen seitens des Vatikan."

Wussten die Public-Relations-Strategen der Kurie, dass Wenders, als Junge in Düsseldorf, einmal Priester werden wollte? Dass er sich, in seinen Studententagen Ende der Sechzigerjahre, vom Glauben entfernt, nach dem Tod seines frommen Vaters der Kirche aber wieder angenähert hatte? Oder war dem Vatikan gar zu Ohren gekommen, dass er zusammen mit seiner Frau in Berlin inzwischen einen privaten Bibelkreis betreibt? Vermutlich nicht. Rom reichte mutmaßlich die für jedermann sichtbare Tatsache, dass Wim Wenders sich als Dokumentarfilmer stets für Sujets entscheidet, für die er ohnehin eine große Leidenschaft hat - in der Vergangenheit waren das unter anderem der Fotograf Sebastião Salgado, die Tanz-Revolutionärin Pina Bausch und die Rockgruppe BAP. All diesen Protagonisten hat er sich dann auch nicht als kritischer Fragesteller, sondern als ehrfürchtiger Fan genährt - das ist nun einmal sein Stil.

Wim Wenders im Gespräch mit dem Pontifex.

(Foto: Cannes)

Was die explizite Verehrung betrifft, treibt Wenders die Sache in "Franziskus" allerdings auf die Spitze. Der Film beginnt mit einem Voiceover-Monolog des Filmemachers selbst, der ein verzweifeltes Bild der Weltlage zeichnet, von der wachsenden Ungleichheit zwischen Arm und Reich bis hin zur Zerstörung des Planeten. In dieser dunklen Stunde der Menschheit erfolgt nun aber die Wahl eines Papstes, der wie keiner seiner Vorgänger den Mut finden wird, die Übel der Gegenwart zu benennen, zu Umkehr und Bescheidenheit aufzurufen und diese Werte auch selbst zu leben - eben ein "Mann seines Wortes" zu sein.

Er wird, so Wenders weiter, genau wie der Heilige Franziskus von Assisi, nach dem er sich benannt hat, die Werte seiner Kirche radikal infrage stellen und zugleich erneuern, sein Charisma wird weit über die Christenheit hinausstrahlen... und so fort. Wenders ist von seinen eigenen Worten sehr bewegt, er hat ein emotionales Tremolo in der Stimme, und man erkennt, warum eine Einflussnahme des Vatikan anscheinend völlig unnötig war - dieser Filmemacher glaubt selbst aus tiefstem Herzen, was er da sagt. Offenbar hat er sich vorgenommen, Papst Franziskus' größter Propagandist zu werden, und bei diesem hehren Ziel kennt er dann wirklich keinerlei Hemmungen. Einmal zeigt er zum Beispiel eine lange Sequenz, in der die offizielle Kamera des Vatikan im Rücken des Heiligen Vaters platziert ist, während der im offenen Wagen durch Afrika fährt und winkt - rechts und links ein Meer von jubelnden Menschen.

Immer wieder spektakulär, diese besondere Kameraeinstellung - aber sie ist auch untrennbar mit der Geschichte des Propagandafilms verbunden. Ihr berühmtester Einsatz in einem Dokumentarfilm stammt aus Leni Riefenstahls "Triumph des Willens" - und da ist die Kamera hinter Adolf Hitler, der zum Nürnberger Parteitag 1934 einfährt.

Dank einer Spezialkamera schaut der Papst dem Zuschauer direkt in die Augen

Letztlich will Wim Wenders aber in seinem Film nicht selbst predigen - er will einfach seinem Idol lauschen. Dafür die langen Interviewpassagen, in denen Franziskus für seine bekannten Analysen und Wertvorstellungen noch einmal frei gesprochene, eloquente Worte findet. Dabei schaut er seinem Interviewer direkt in die Augen, und dank einer Spezialkamera schaut er nun auch von der Leinwand herab direkt in die Augen der Zuschauer. "Wenn ihr meine Worte richtig verbreitet, können sie eine Saat sein, aus der wunderschöne Blumen wachsen", hat der Papst nach einer dieser Sitzungen hinter den Kulissen gesagt. "Falls nicht, mögen eure Kameras auseinanderfallen."

Ein Witz? Natürlich, berichtet der Produzent - der Mann hat Humor. Und doch liegt ein Auftrag in diesem Witz verborgen, eine Mission, die Wim Wenders vollkommen ernst nimmt. Nachdem er nun mal erwählt wurde, das Wort des Heiligen Vaters zu verbreiten, möchte er um Gottes willen nicht versagen.

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