Kino & Politik Wenn die Realität die Fiktion imitiert

Warum jemand den Stil eines Kino-Bösewichts zelebrieren möchte? Vielleicht wegen der Assoziationen. Donald Pleasence als James Bonds widerwärtiger Gegenspieler Blofeld in dem Filmklassiker "Man lebt nur zweimal" (1967).

(Foto: imago stock&people)

Ein vergifteter Spion auf einer Parkbank, Geheimtreffen auf den Seychellen: Das klingt nach James-Bond-Filmen. Doch Politiker und Agenten scheinen sich zunehmend an Kino-Vorbildern zu orientieren.

Von Susan Vahabzadeh

Wenn einem die Szene bekannt vorkommt, wie der mit Nervengas vergiftete Doppelagent Sergej Skripal bewusstlos auf einer Parkbank kauert, dann liegt das daran, dass sie zum Standard-Repertoire des Kinos gehört. Leinwand-Agenten halten dort traditionell ihre konspirativen Treffen ab, und gelegentlich bleibt einer von ihnen tot zurück, von Alfred Hitchcocks "Berüchtigt" bis zu Steven Spielbergs "Munich". So wird es Sean Connery in "Das Russland-Haus" (1990) beigebracht, wo man ihn davon überzeugt, für die Amerikaner zu spionieren: Halte alle deine Treffen in der Öffentlichkeit ab.

Es gab allerdings, bisher zumindest, einen wesentlichen Unterschied zwischen den echten Geheimdiensten und jenen, die das Kino sich zusammenspinnt: Die echten operieren, ihrem Namen treu, überwiegend geheim. Nur im Kino mischen die Agenten Metropolen auf und lösen Großeinsätze der Polizei aus, die niemand übersehen kann. Die Vorgänge in Großbritannien, die dazu führten, dass die Premierministerin Theresa May 23 russische Diplomaten auswies, oder die Ermittlungen zu den letzten amerikanischen Präsidentschaftswahlen sind da ein wenig anders. Manches kommt einem so vor, als habe hier die Fiktion begonnen, der Wirklichkeit ihren Stempel aufzudrücken.

Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

mehr...

Es sind ja noch andere wunderliche Dinge passiert in letzter Zeit, die einen vermuten lassen, die Vertreter der Agentenzunft seinen zu oft im Kino gewesen. Die Anwältin Natalia Veselnitskaya, die das inzwischen legendäre Trump-Tower-Meeting herbeiführte, von dem sich Donald Trump jr. "Dreck" über Hillary Clinton erhoffte, kommt einem vor wie eine klassische Bond-Gegenspielerin. Oder das Geheimtreffen auf den Seychellen, das inzwischen den Weg in die Medien gefunden hat: Da soll der Eigentümer einer privaten Sicherheitsfirma als informeller Gesandter des Trump-Teams russische Kontaktpersonen in einem Luxus-Resort getroffen haben. Oder die Geschichte um Trumps Wahlhelfer George Papadopoulos, der glaubte, er habe Putins Nichte kennengelernt.

Das alles klingt nach Agentenfilmen - vor allem der Spuren wegen, die diese Affären öffentlich hinterlassen. Die Zweifel, die James Bonds Abenteuer im Zuschauer auslösen, haben sehr oft mit Sichtbarkeit zu tun. Man fragt sich, wie er ungesehen und ungehört um die halbe Welt kommt oder durch Istanbul, durch Hongkong hetzt, ohne dass der Gegner davon weiß.

Die Realität imitiert manchmal die Fiktion. Das kann man beobachten, seit es reproduzierte Bilder gibt. Mit "The Musketeers of Pig Alley" setzte D. W. Griffith 1912 die Maßstäbe fürs Gangsterfilm-Genre. Gedreht hat Griffith in der Gegend um New York, in der der damals 13-jährige spätere Super-Gangster Al Capone aufwuchs. Und der hat den Film sicher gesehen, denn er hat sich später so gekleidet wie die Filmfigur Snapper Kid: eleganter Anzug, schräg aufgesetzter Hut.

Al Capone wurde später immer wieder zur Filmfigur, dabei wurde er selbst irgendwie zum Star. Seither scheint die falsche Mafia der echten als Vorlage zu dienen dafür, wie sie sich darstellte. Roberto Saviano beschreibt in "Gomorrah", wie sich in Italien genau jene Ästhetik breit machte, die Francis Ford Coppola 1972 den New Yorker Mobstern in der Verfilmung von Mario Puzos Roman "Der Pate" verpasst hatte. Unter anderem schwappte der Begriff des "padrino" von der Leinwand in die Wirklichkeit hinunter. Und der Mafia-Boss Luciano Leggio begann, sich nach seiner Verhaftung, öffentlich so zu präsentieren, als werde er gerade von Marlon Brando verkörpert, vom feinen Zwirn bis zur Zigarre.