Interview mit Michel Houellebecq "Das Leben ist ohne Religion über alle Maßen traurig"

Umstrittener Autor, unvorhersehbarer Gesprächspartner: der Franzose Michel Houellebecq

(Foto: imago/epd)

Michel Houellebecq hat es mit dem Katholizismus versucht. Und mit dem Buddhismus. Bei letzterem habe er sich "furchtbar gelangweilt", sagt der Autor von "Unterwerfung". Ein Gespräch über Religion - und über Frankreich.

Von Alex Rühle, Köln

Am 7. Januar erschien Michel Houellebecqs neuer Roman "Unterwerfung", eine rabenschwarze Politsatire, in der 2022 ein Moslem französischer Präsident wird, woraufhin die gesamte Elite flugs zum Islam konvertiert. Das Buch wurde vor dem Erscheinen scharf angegriffen, es sei "pervers" und "hochtoxisch". Am Tag des Erscheinens verübten islamistische Terroristen ein Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Unter den Opfern befand sich auch Houellebecqs enger Freund Bernard Maris. Wir haben den Autor nach seiner ersten Lesung am Montag in Köln gesprochen.

SZ.de: Herr Houellebecq, Sie wurden für Ihre Romane immer schon scharf angegriffen. Als 1998 "Elementarteilchen" erschien, rief der französische Schuldirektorenverband zum Boykott des Buches auf, und die Literaturzeitschrift Les Perpendiculaires, bei der Sie damals angestellt waren, warf Sie raus. Ist die Kritik, die diesmal auf Sie einprasselt, deshalb business as usual - oder trifft Sie das mehr als sonst?

Michel Houellebecq: Das war schon ziemlich viel diesmal.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Ihr Buch sei islamophob?

Das ist kompletter Unsinn. Gleichzeitig sage ich aber nach diesen Attentaten, dass jeder, der darauf Lust hat, das Recht hat, ein islamophobes Buch zu schreiben.

Warum dieser Zusatz?

Weil die Attentate vor allem ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit waren.

Wie haben Sie denn den 7. Januar erlebt? Eigentlich war das ja ein großer Tag: Endlich ein neuer Roman.

Das war einer der grässlichsten Tage meines Lebens. Ich habe anfangs gar nicht kapiert, dass Bernard betroffen ist, und habe einfach versucht, ihn telefonisch zu erreichen. Aber er ist nicht drangegangen. Ich habe dann vier Stunden immer wieder bei ihm angerufen. Dann war ich mir sicher ...

Wir sitzen hier im Dumont-Verlag. Vor der Tür des Büros stehen zwei Wachleute, Sie stehen seit dem 8. Januar unter Personenschutz. Haben Sie Angst?

Nein. Warum sollte ich? Mein Buch beleidigt den Islam in keinster Weise. Wenn ich Angst habe, dann nur davor, dass jetzt viele Angst haben, ihre Meinung zu sagen. Und ich habe Angst, dass ich mich am Ende der gestrigen Lesung nicht verständlich gemacht habe. Ich will wirklich eine politische Reform. Oh, ich hab meine Zigaretten vergessen.

Lockruf des Schreckens

Er war auf dem Titelbild der jüngsten Ausgabe von Charlie Hebdo karikiert. Jetzt wird dem Schriftsteller Houellebecq vorgeworfen, er habe durch seinen Islam-Roman "Unterwerfung" den Terroranschlag von Paris herbeigerufen. Von Thomas Steinfeld mehr ... Analyse

Gespräche mit Houellebecq sind grotesk und zugleich angenehm. Grotesk, weil er so schrullig ist. Er kaut seine Zigaretten mehr, als dass er sie rauchen würde, der Filter ist nach wenigen Zügen komplett zerquetscht. Er fährt sich im Auge rum, stößt seltsame Laute aus, so als sei inwendig etwas verrostet, und er empfängt in der Hochwasserhose vom vorhergehenden Abend, nur dass sie jetzt über und über mit Zahnpasta bespritzt ist. Aber er ist ausnehmend freundlich, uneitel, ruhig und im Verlag schwärmen sie alle, wie unkompliziert es mit ihm sei. Da ist er auch schon wieder, diemal mit Zigaretten und Bier.

Sie haben sich schon verständlich gemacht, weg mit dem Parlament, alle Macht dem Volke, das den Präsidenten und die Richter wählt, alle entscheidenden Dinge werden per Referendum beschlossen, es lebe das Schweizer Modell.

Genau.

Aber dann glauben Sie ja an die Vernunft des Volkes?

Nicht wirklich, ich denke, ich würde meistens anders stimmen als die Mehrheit. Aber ich glaube, dass die Leute die Demokratie wieder respektieren würden.

Am Tag des Attentats haben Sie in einem Radiointerview gesagt, Sie seien ein Feind der Aufklärung, denn sie produziere nichts als Leere und Unglück. Als Sie vor Jahren gefragt wurden, warum Sie sich nicht umbringen, so traurig, wie Ihre ersten Bücher klangen, haben Sie aber ausgerechnet mit Kant geantwortet, dem wichtigsten aller Aufklärer: Das Leben sei ein Wert in sich. Und die Demokratie gäbe es doch auch nicht ohne die Aufklärung.

Ich richte mich ja auch nur gegen die französische Aufklärung, Voltaire, Diderot, die konnten nicht scharf denken, viel zu viel Rhetorik, die sind eher Polemiker als Philosophen. Kant war schwer in Ordnung. Aber die Aufklärung hat den Menschen die Religion genommen. Und es geht nicht ohne Religion.

Sind Sie denn selbst gläubig?

Nein, das ist ja das Tragische. Ich versuche es immer wieder. Seit ich 13 bin, denke ich, das Universum ist so unfassbar - es kann doch nicht sein, dass das alles einfach so da ist. Aber es gelingt mir trotzdem nicht, zu glauben.

Und warum braucht der Mensch die Religion? Zur Absicherung der eigenen Werte?

Ja. Das Leben ist ohne Religion einfach so über alle Maßen traurig.

Bei Ihren Versuchen, wollten Sie da zum Katholizismus konvertieren?

Stimmt, aber es hat nicht geklappt.

Haben Sie es auch noch mit einer anderen Religion versucht?

Buddhismus. Da saß ich rum, starrte die Wand an und habe mich furchtbar gelangweilt.

Ihr Held François konvertiert ja auch. Allerdings zum Islam.

Ursprünglich wollte ich, dass er Katholik wird. Aber ich habe mehrfach versucht, die Szene zu schreiben, und es fühlte sich immer falsch an. Da kam mir die Idee mit dem Islam.

Stimmt es, dass Ihre Mutter, als sie Sie als kleines Kind weggegeben hat, zum Islam konvertiert ist?

Ach die. Die ist alle paar Jahre irgendwo andershin konvertiert.

Und wo ist sie mittlerweile angekommen?

Bei den Russisch-Orthodoxen.

Ihre Mutter hat ein Buch über Sie geschrieben, in dem sie Sie übel beschimpft hat.

Pfffffff.