Immobilien-Ausverkauf Berliner Etikettenschwindel

Die letzten Freiflächen und Bauruinen werden rar in Berlin. Trotzdem lässt es die Stadt zu, dass diese mit der immer gleichen Mischung aus Gastronomie, Shopping und Luxusappartements radikal ausverkauft werden - unter dem Etikett Kunst, versteht sich.

Von Laura Weißmüller

Wenn Kunst draufsteht, steckt Gewinn drin. So knapp lässt sich die Glücksformel der Berliner Immobilieninvestoren zusammenfassen, nach der sie Bauprojekte im Zentrumsbezirk Mitte lancieren.

Ein Beispiel: die ehemalige Jüdische Mädchenschule in der Auguststraße, eines der wenigen architektonisch herausragenden Gebäude der Neuen Sachlichkeit in Mitte, feierte 2006 ihre Wiederentdeckung, als Maurizio Cattelan sie für die Berlin Biennale öffnete. Jüngst wurde das Gebäude gleich hinter der Synagoge in der Oranienburger Straße saniert, allerdings nicht als Ausstellungshaus, sondern damit dort Galerien und Restaurants einziehen können. Es eröffnet Anfang Februar als Haus "für neue Kunst und Esskultur". Kann man da etwas dagegen haben?

Man kann: Denn anders als es die Ankündigung vielleicht vermuten lässt, ist mit der Neueröffnung eben kein Ort für die Stadt gewonnen - sondern endgültig aufgegeben. Galerien sind kein öffentlicher Raum, auch wenn sie keinen Eintritt verlangen. In Restaurants muss man konsumieren, die Speisekarte ersetzt hier den Türsteher.

Eigentumswohnungen im angepriesenen "Ausgehviertel"

Die letzten Freiflächen und Bauruinen im Zentrum werden rar in Berlin. Doch die Stadt lässt es zu, dass diese mit der immer gleichen Mischung aus Gastronomie, Shopping und Luxusappartements restlos aufgefüllt werden - unter dem Etikett Kunst, versteht sich. Die Formel, die in den Neunzigern ganze Straßenzüge zum Leben erweckte, weil Künstler sanierungsbedürftige Altbauten zwischennutzen durften, fungiert heute als Türöffner. (Ganz Ähnliches passiert im Prenzlauer Berg, wo Clubs schließen müssen, damit Eigentumswohnungen im angepriesenen "Ausgehviertel" gebaut werden können.)

Ein weiteres Beispiel: gleich neben der Museumsinsel entsteht gerade auf einem 31 000 Quadratmeter großen Areal das "Forum Museumsinsel". Der Unternehmer Ernst Freiberger will hier aus acht denkmalgeschützten Gebäuden für 300 Millionen Euro ein "Forum für die Zukunft" schaffen. Der englische Architekt David Chipperfield hilft ihm dabei - und die Kunst: "Nach dem Entwurf eines international bedeutenden Architekten wird (...) ein spektakuläres Gebäude entstehen, das unter anderem der Kunst gewidmet ist", heißt es im Exposé. Wer weiterliest, wird feststellen, dass es sich dabei wohl um eine Automobil-Ausstellung handelt.

So vage das Kunstprogramm, so detailliert ist das Kulinarische beschrieben: Vor allem soll es eine Markthalle geben, an deren Stände "von morgens früh bis in den Abend hinein die köstlichsten Lebensmittel (...) vor den Augen der Kunden frisch hergestellt und zubereitet" werden. Schlaraffenland in Berlin-Mitte?

Eine Stadt, die mit ihrer kreativen Szene, der Kunst und den Clubs hausieren geht, gleichzeitig aber Institutionen wie das Haus am Waldsee, eins der ersten Ausstellungshäuser für zeitgenössische Kunst in Deutschland, fast pleite gehen lässt, muss den eigenen Ausverkauf endlich beenden. Nicht mehr lang, und man kann Berlin Etikettenschwindel vorwerfen.

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