Homophobie in Russland Putins geistiges Erbe

Der Westen droht mit einem Boykott der Olympischen Spiele in Sotschi, um die homophobe Haltung der russischen Führung anzuprangern. Wladimir Putin spricht von einer "amoralischen Internationale". Proteste gegen Russlands Haltung sind dennoch nicht für die Katz.

Von Tim Neshitov

Wenn Wladimir Putin anfängt, Nikolaj Berdjajew zu zitieren, heißt es, dass sich in Russland etwas sehr stark verschiebt. Berdjajew war ein religiöser Philosoph, der im September 1922 aus der Sowjetunion ausgewiesen wurde. Er wurde zusammen mit Dutzenden weiteren missliebigen Intellektuellen auf das so genannte Philosophenschiff gesetzt und ab ging die "Fracht" (O-Ton Lenin), von Petersburg nach Stettin. Die Bolschewiken nannten die Aktion "langzeitige Säuberung Russlands". Davor war Berdjajew von Feliks Edmundowitsch Dzierzynski höchstpersönlich vernommen worden, dem Leiter der Geheimpolizei Tscheka. Geheimdienstmitarbeiter heißen in Russland bis heute Tschekisten, auch wenn der Dienst längst anders heißt: FSB. Für Wladimir Putin, ehemals FSB-Chef, ist der "eiserne Feliks" immer ein berufliches Vorbild geblieben.

Nun aber hält Putin auch das prominenteste Opfer der Tscheka für ein Vorbild. Und zwar: im Kampf gegen das, was im Kremlsprech "die geschlechtslose Toleranz" heißt. Also gegen sexuelle Minderheiten. Die Proteste im Westen (ob Sotschi-Boykott oder Demonstrationen gegen Stardirigent Valery Gergiev, der sein homophobes Image nicht loswird), spielen Putin dabei bisher in die Hände. Er spricht von einer "amoralischen Internationale".

Bei seiner jüngsten Rede an die Nation zitierte Putin aus Berdjajews Buch "Philosophie der Ungleichheit": "Der Sinn des Konservatismus besteht nicht darin, die Bewegung nach vorne und nach oben zu bremsen, sondern die Bewegung nach hinten und nach unten zu verhindern." Für Putin, wie übrigens für den frommen Philosophen Berdjajew, bedeutet die Gleichberechtigung Homosexueller einen zivilisatorischen Schritt nach hinten und nach unten.

Damit gelingt Putin ein rhetorischer Spagat, der all die Russen beeindruckt, die von Berdjajew zwar gehört, seine Bücher aber nie gelesen haben. Diese Russen sind in der Mehrheit. Für sie signalisiert Putins Äußerung eine überraschend intellektuelle Versöhnung mit der Vergangenheit. Berdjajew war allerdings nie militant homophob, geschweige denn ein Anhänger jener politischen Methoden, die in Russland seit 2000 herrschen.

Putin mag von Landshut oder Las Vegas aus als jemand erscheinen, der lediglich möglichst lange an der Macht bleiben möchte. In Weltgegenden wie Sibirien oder Krasnodar aber gilt er vielen Menschen als Visionär. Tatsächlich bastelt er, etwas grobmotorisch, an seinem geistigen Erbe. Ob nun Joachim Gauck (von dem die meisten Russen nie gehört haben) nach Sotschi fliegt oder nicht, ob die Trikots der deutschen Olympia-Mannschaft an einen Regenbogen erinnern, das sind Kleinigkeiten, die an Putins langfristigem Kurs kaum etwas ändern dürften. Dieser Politiker kann sich gerade Katz-und-Maus-Spiele mit dem Westen erlauben. Kurz vor Sotschi leistet er sich beides: Er begnadigt Michail Chodorkowski und Pussy-Riot-Aktivistinnen. Und er beruft einen bekennenden homophoben Hirnwäscher als Leiter einer staatlichen Propaganda-Agentur.

Sieg für die Rosa Liste

Und doch sind Proteste, wie die der Rosa Liste in München diese Woche, nicht für die Katz. Denn um etwas für Homosexuelle in Russland zu tun, muss man sich nicht als Ziel setzen, Putins Ansichten zu ändern. Man kann einfach klar sagen, was man selbst - auf dem selben Kontinent, nur etwas weiter westlich - für richtig hält.

Im Oktober protestierten in der Berliner Philharmonie weltberühmte Künstler (Gidon Kremer, Martha Argerich, Daniel Barenboim) gegen Menschenrechtsverletzungen in Russland mit einem gemeinsamen Konzert. Herta Müller sprach ein Vorwort. Nun sind es homosexuelle Initiativen, die den Protest gegen das System Putin anführen. Diese Fokussierung auf eine Kategorie von Diskriminierten scheint sogar besser zu funktionieren. In München hat die Rosa Liste einen Sieg verbucht. Valery Gergiev, designierter Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, hat sich zu den Antidiskriminierungsrichtlinien der Stadt bekannt. Er hat sie also gelesen. Von dem Gesetz, das in Russland Schwule unter Druck setzt, hatte er noch gesagt, er habe es nicht gelesen.