Holocaust-Gedenken in Österreich In vielen kleinen Schritten zum Bösen

Der Schriftsteller Michael Köhlmeier gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus und kritisiert die rechte Regierung in Österreich für ihren Umgang mit Flüchtlingen. Die kleine Rede entfaltet große Wucht.

Von Karin Janker

Gerade einmal sechseinhalb Minuten dauert die Rede des Schriftstellers Michael Köhlmeier am Freitag in Wien beim Gedenkakt des österreichischen Parlaments an die Opfer des Nationalsozialismus. Doch mit seinen kurzen Worten hat der Autor von Büchern wie "Zwei Herren am Strand" und "Abendland", der im Vorjahr mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet wurde, einen Sturm ausgelöst und die österreichische Regierung gegen sich aufgebracht.

Seine Rede vor prominentem Publikum beginnt Köhlmeier mit den Worten: "Bitte erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle." Was danach folgt, ist vor allem eine Abrechnung mit der FPÖ, jener rechten Partei, die seit Dezember zusammen mit der konservativen ÖVP in Wien in Regierungsverantwortung ist und unter anderem den Vizekanzler, Heinz-Christian Strache, stellt.

Der sitzt im Publikum und bekommt zu hören, was der Schriftsteller von ihm und seiner Partei hält: Es sei unglaubwürdig von der FPÖ, wenn sie sich als Beschützerin und Verteidigerin der Juden aufspiele und gleichzeitig die rechtsextreme Zeitschrift Aula unterstütze, in der befreite Häftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen als "Landplage" bezeichnet wurden. "Wer das glaubt, ist ein Idiot, oder er tut so, als ob, dann ist er ein Zyniker", sagte Köhlmeier.

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Anschließend richtet er einen Appell an die Zivilgesellschaft seines Landes: Anti-Islamismus dürfe nicht mit Philo-Semitismus begründet werden; das sei verlogen. Es sei falsch, nach Sündenböcken zu suchen. Köhlmeier warnt: "Zum großen Bösen kamen die Menschen nie in einem Schritt, sondern in vielen kleinen."

Dann wird seine Kritik sehr konkret: "Wirst du es dir gefallen lassen, wenn ein Innenminister davon spricht, dass Menschen konzentriert gehalten werden sollen?" Die rhetorische Frage spielt auf den FPÖ-Innenminister Herbert Kickl an, der im Januar vorgeschlagen hatte, Asylbewerber "konzentriert" an einem Ort zu halten.

Nach der Rede folgte erst Applaus, dann der eigentliche Sturm

Und an ÖVP-Bundeskanzler Sebastian Kurz gerichtet erinnert Köhlmeier an Parallelen zwischen heutigen Flüchtlingen und jenen Menschen, die vor dem Nationalsozialismus geflohen sind: "Es hat auch damals schon Menschen gegeben, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben." Kurz hat in der Vergangenheit immer wieder betont, die Balkan-Route geschlossen zu haben.

Köhlmeiers Stimme ist fest und ruhig, während er seine Rede vorträgt; der Saal in der Wiener Hofburg mucksmäuschenstill. Er endet mit den Worten "mehr habe ich nicht zu sagen". Stürmischer Applaus brandet auf, das Publikum erhebt sich und ehrt den Redner mit stehenden Ovationen.

Der eigentliche Sturm beginnt jedoch erst hinterher: Die FPÖ reagiert erbost auf die Rede des Schriftstellers, Klubobmann Walter Rosenkranz und der Abgeordnete David Lasar bezeichnen Köhlmeier als selbstgerecht und werfen ihm vor, die Gedenkveranstaltung missbraucht zu haben. "Dass er dabei die Ungeheuerlichkeit des Holocaust verharmlost und gleichzeitig eine Million österreichische Wählerinnen und Wähler pauschal verunglimpft, ist ein entbehrlicher Beitrag zur weiteren Spaltung der Gesellschaft in Österreich, die er selbst kritisiert", teilen die FPÖ-Politiker mit.

Die ÖVP kritisiert Köhlmeier für die Parallelisierung der Fluchtsituation damals und heute. ÖVP-Generalsekretär Karl Nehammer weist den "Vergleich der Balkanrouten-Schließung mit der Judenverfolgung" zurück: "Ich respektiere die freie Meinungsäußerung und die Ansichten von Herrn Köhlmeier, die ihm unbenommen sind. Aber es ist mir äußerst wichtig klarzustellen - auch im Sinne eines würdevollen Gedenkens -, dass eine Gleichstellung der Politik gegen illegale Migration mit der Ermordung von sechs Millionen Juden völlig inakzeptabel ist."

Anerkennung bekommt Köhlmeier für seine Rede dagegen vor allem von SPÖ und Grünen. Der Leiter der ÖVP-Delegation in Brüssel, Othmar Karas, teilt die Rede ebenso wie der ehemalige Kanzler Christian Kern und viele andere Politiker, Schriftsteller-Kollegen und österreichische Intellektuelle auf Twitter: