Günter Grass und sein umstrittenes Interview Undiplomatisch in die Historikerfalle

Günter Grass hat es nie geduldet, dass sich die Deutschen nach dem Krieg vor ihrer Verantwortung wegduckten. Er darf jeden Vorwurf, den Massenmord an den Juden relativieren zu wollen, als absurd zurückweisen. Doch der Literaturnobelpreisträger redet gern und viel - und in diesem Fall zu seinem Schaden: Wieso Grass sich im umstrittenen "Haaretz"-Interview vergaloppierte.

Ein Kommentar von Franziska Augstein

Als fast alle noch schwiegen, hat Günter Grass schon darüber geschrieben und geklagt. Er hat sich den Mund verbrannt in den fünfziger und den sechziger Jahren, als noch als Vaterlandsverräter galt, wer als Soldat Widerstand gegen das Hitlerregime leistete.

Grass hat es nicht geduldet, dass sich die Deutschen nach dem Krieg vor ihrer Verantwortung wegduckten. Als der Historiker Hermann Heimpel das Wort "Vergangenheitsbewältigung" erfand, hatte Grass schon daran gearbeitet. Günter Grass war so lange ein Hinseher unter Wegsehern, dass er nun den Vorwurf, er relativiere den Mord an sechs Millionen Juden, als absurd und verrückt zurückweisen darf.

Günter Grass hat in seinem Gespräch mit der israelischen Zeitung Haaretz nicht das Wegschauen gepredigt. Vielmehr hat er den Blick des Interviewers auch auf das Leiden der deutschen Kriegsgefangenen in Russland gelenkt und behauptet, die Sowjets hätten sechs Millionen (sic!) von acht Millionen in ihre Hände geratenen Deutschen "liquidiert".

Abgesehen davon, dass die Zahl falsch ist; sein Interview war, diplomatisch gesehen, nicht weise: Grass gab das Interview anlässlich der Publikation seines Buches "Beim Häuten der Zwiebel", das in Deutschland 2006 erschien, in Israel aber erst jetzt.

Die hebräische Übersetzung hat möglicherweise auch deshalb so lange auf sich warten lassen, weil man in Israel eine Weile brauchte, um damit fertig zu werden, dass der verehrte Grass als sehr junger Mann in der Waffen-SS war - was er in diesem Buch bekennt.

Weil er selbstbewusst ist und gern für sich einsteht, zumal wenn er es mit berühmten Gesprächspartnern zu tun hat, gab Grass nun dem israelischen Historiker Tom Segev dieses Interview.

Dabei scheint er übersehen zu haben, dass Segev nicht bloß ein Kritiker israelischer Regierungen ist, sondern vor allem ein Historiker, der die Shoah nicht relativiert sehen will. Wie konnte es dazu kommen, dass Grass ihm Dinge sagte, die er vor dem Bund der Vertriebenen, dessen Ziele er nicht teilt, niemals äußern würde? Im Alter werden den Menschen ihre Kindheit und Jugend wieder ganz präsent. Viele Deutsche, die nach dem Krieg Hunger litten, erinnern sich jetzt im Alter daran, als wenn es gestern gewesen wäre: Der Kühlschrank muss daher bei ihnen übervoll sein, sonst kommt innere Not auf.

Dass er in der Waffen-SS war, hat Grass längst als "dumme" Jugendverirrung abgetan, zumal er da keine Gelegenheit hatte, Böses zu verüben.

Diese Episode hat er für sich, man kann es verstehen, ad acta gelegt. Was aber seine Familie damals erlitt, das steht ihm vor Augen. Darüber redet er also - undiplomatisch, wie früher schon: ohne Rücksicht auf die Massenmeinung und den Presse-Mainstream.

Die Frage bleibt, warum er erst 2006, in "Beim Häuten der Zwiebel", öffentlich gemacht hat, dass er in der Waffen-SS war. Eines ist sicher: Hätte er es früher getan, wäre ihm der Literaturnobelpreis 1999 nicht zuerkannt worden.

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