George Clooneys neuer Film Wer den größten Wahnsinn aushält

Ein Hippie-Offizier bildet seine Einheit aus, durch Wände zu laufen und Nutztiere zu Tode zu starren - und mehr daran ist wahr, als man glauben möchte.

Von J. Füchtjohann

Ein Militärbericht

"Am 27. Dezember erhielten wir einen Anruf von einem Mitglied des PSYOPS-Teams aus Fort Bragg. Er erklärte uns, was sie mit den Lautsprechern vorhatten. Wir hatten schon in den Nachrichten davon gehört und es waren sogar Musikwünsche für Noriega eingegangen. Als die Berichterstattung richtig losging, konnten wir uns vor Texten und Songtiteln kaum noch retten."

Diese Sätze stammen aus einem Militärbericht. Es folgt eine seitenlange Playlist, die von A wie Judas Priests "Another Thing Coming" bis Y wie "Youth Gone Wild" von Skid Row reicht. Beschallt werden sollte aber kein Club, sondern die diplomatische Vertretung des Vatikans in Panama. Hier hatte das Ziel der am 20. Dezember 1989 begonnen "Operation Just Cause" Unterschlupf gefunden: der Militärdiktator Manuel Noriega. Um ihn nach draußen, in die Hände der wartenden United States Navy SEALs zu treiben, wurde aus Heavy Metal endlich die Waffe, als die der Musikstil jahrelang nur posiert hatte.

Der wahre Dr. Strangelove

Klingt unglaublich? Ist aber wahr. More of this is true than you would believe - mit diesem Satz beginnt auch Grant Heslovs neuer Film Männer, die auf Ziegen starren, in dem das oben genannte Fort Bragg und die dort stationierten PSYOPS, Einheiten für psychologische Kriegsführung, eine Rolle spielen. Die Verbindung zwischen dem historischen Vorfall in Panama und der Komödie, in der ein Hippie-Offizier seine Spezialeinheit darin ausbildet, durch Wände zu laufen oder Nutztiere zu Tode zu starren, liefert ein Sachbuch mit dem gleichen Titel: The Men Who Stare at Goats. Geschrieben hat es der britische Journalist Jon Ronson, der sich 2003 im Herzen der US-Armee auf die Suche nach dem wahren Dr. Strangelove begab.

Er fand: Lieutenant Colonel Jim Channon. Als das amerikanische Militär in den späten siebziger Jahren durch die Niederlage in Vietnam moralisch und finanziell am Boden lag, war auch die Neugier auf billige und zugleich motivierende Techniken groß, und Channon wurde in die Gegenkultur entsandt. Von seiner "fact-finding mission" kam er mit einer 125 Seiten langen Gebrauchsanweisung zurück, dem First Earth Battalion Operations Manual. Darin wurde neben einer völlig anderen Einstellung zum Krieg auch eine entsprechend überarbeitete Militäruniform vorgeschlagen: Die endlich nicht mehr uniforme Uniform mit Ginseng-Spender, Wünschelrute und Lautsprechern für "Weltmusik und Friedensworte". An Heavy Metal und Diktatoren hatte Channon dabei vermutlich noch nicht gedacht.

Militär und Parapsychologie

Männer, die auf Ziegen starren ist im Grunde ein politischer Film. Klar: Rasierte Ledernacken und New Age-Hippies bewohnen dermaßen entgegengesetzte Enden des sozialen Spektrums, dass ihr Aufeinandertreffen genug humoristische Fallhöhe bietet. Gleichzeitig wird aber ernsthaft erklärt, wie der Schulterschluss zwischen rechts und links, Militär und Gegenkultur, Esoterik und Strategie funktioniert, den die Linke so gern als dämonische "Vereinnahmung" ihrer Ideen denunziert: Nämlich auf dem Weg über eine für alle gleichermaßen unterhaltsame Popkultur, wie auch der Film selbst sie darstellt.

Es gibt ihn also wirklich, den militärisch-parapsychologischen Komplex: Es ist die Welt des Pop. Nicht zufällig wurde in Panama ausgerechnet Heavy Metal zur Waffe. Und nicht zufällig nannte sich eine von Channons First Earth Battalion Operations Manual inspirierte experimentelle Spezialeinheit der US-Armee "Jedi Warriors". Denn was - außer dem finanziell erfolgreichsten Filmprojekt aller Zeiten - hätte dermaßen obskure Ideen in militärischen Kreisen salonfähig und intelligibel machen können?

Konfus und hirnverbrannt

So ist Männer, die auf Ziegen starren auch ein Film über den American Way of Life und dessen Flexibilität. Wie weit nach links ist Amerika bereit zu gehen? Die Antwort lautet: Wenn es drauf ankommt - sehr weit. Auf der Suche nach Interessantem und Neuem, so Colonel Channon in seinem "Manual", darf das Militär niemals Angst haben, "harebrained and half-baked" zu erscheinen - konfus und hirnverbrannt.

Der Hippie-Kritik von links ist man also sehr weit entgegengekommen. Aber wie viel rechten Irrsinn hält Amerika aus? Auch mit dieser Frage hat Hollywood sich gerade beschäftigt - und kein geringerer als Martin Scorcese hat eine wirklich interessante Antwort gegeben. In dessen neuem Film Shutter Island sehen wir dem US Marshall Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) dabei zu, wie er sich immer tiefer in die klassische antiamerikanische Überzeugung verstrickt, die schlimmsten Nazis von allen würden beim CIA arbeiten. Immer unbeirrbarer wird sein Verdacht, die US-Gefängnisinsel Shutter Island sei in Wahrheit kein bisschen besser als das Konzentrationslager Dachau.

Allerdings ahnt der Zuschauer relativ schnell, dass dies wohl nur seine Version der Geschichte ist. Am Ende dreht sich dann alles mindestens zweimal herum, und Scorcese entwirft eine unerhörte Vision der amerikanischen Gesellschaft: Er zeigt sie als dermaßen radikalliberal, dass sie ihren Mitgliedern sogar die Wahl zur totalen Paranoia lässt. Das Amerika des Katholiken Scorcese ist aus therapeutischen Gründen bereit, alle Sünden auf sich zu nehmen, und sogar den Verschwörungstheoretikern, die ihm das Übelste unterstellen, die andere Wange hinzuhalten. Und nur wenn man es aus freien Stücken ganz sicher nicht anders will - nur dann greift Amerika zu einer erlösenden Form der Gewalt.

More of this is true ...

In letzter Zeit sind die Stimmen lauter geworden, die fordern, dass man es mit der Toleranz und Offenheit des Westens nicht übertreiben dürfe. Die liberale Demokratie müsse wehrhafter gegenüber religiösen Spinnern und politischen Paranoikern werden. Anstatt sie bloß mit geheimdienstlichen und militärischen Mitteln in Schach zu halten, soll der Westen auch im Diskurs endlich den starken Mann markieren.

Männer, die auf Ziegen starren und Shutter Island zeigen uns eine faszinierende Alternative. Anstatt die Toleranz und Offenheit zu beschränken, könnte man sie auch radikalisieren und bis in Bereiche des offensichtlich Hirnverbrannten und Paranoiden ausdehnen. Der Westen darf sich auf den Wettbewerb in kultureller Härte keinesfalls einlassen - den sollen und müssen die Taliban und al-Quaida gewinnen. Stattdessen sollte er einfach noch weicher, noch permissiver werden. Verlieren darf er nur einen Wettbewerb auf keinen Fall: Den nämlich, wer den größten Wahnsinn aushält. Judas Priest und New Age waren nur der Anfang. Andere Künstler haben sich anschießen lassen oder Fledermäusen den Kopf abgebissen - und es geht weiter.

In Jon Ronsons Buch über den militärisch-parapsychologischen Komplex erzählt einer der Interviewpartner, dass auch die Gruppen, die sich mit Unbekannten Flug-Objekten beschäftigen, von Doppelagenten unterwandert waren. "Die U.F.O.-Typen?", fragt der Autor. "Was sollten Regierungsagenten denn von denen wollen?" "Oh, Jon," wird ihm geantwortet, "sei bitte nicht naiv."

Im Video: Johnny Depp als Hutmacher im Wunderland, Jürgen Vogel als DDR-Volkspolizist, Jeff Bridges als Looser und George Clooney als Ziegenflüsterer - keine Frage, die Stars der neuen Kinofilme machen diese Woche so einiges durch.

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