Forschung zu NS-Beutekunst Schaut hinter die Bilder

Von den Nazis geraubt oder rechtmäßig erworben? Um Picassos "Madame Soler" wird gerade heftig gestritten. Auch die Herkunft vieler anderer Kunstwerke liegt immer noch im Dunkeln - weil viele Kunsthändler die Auskunft verweigern.

Von Ira Mazzoni

Da war er wieder, der ungeheuerliche Vorwurf, die deutschen Museen rückten Raubkunst nicht heraus. Trotz Washingtoner Erklärung, trotz der auf Freiwilligkeit beruhenden Bund-Länder-Erklärung zur "Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz" mit dem Bemühen um "faire und gerechte Lösungen" jenseits aller Verjährungsfristen. Auch weil frühere Wiedergutmachungsregelungen einfach zu kurz griffen.

"Obszön" nannte der Historiker Julius H. Schoeps, Vertreter der Erben des Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy, die Haltung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Picassos "Madame Soler" sei kein verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut. Obszön sei es, von den Nachkommen einer großen jüdischen Familie den Nachweis der Verfolgung unter nationalsozialistischer Willkürherrschaft zu fordern. Das stehe doch in jedem Schulbuch, dass die Juden ab 1933 in Deutschland systematisch entrechtet wurden, kommentierte die Kulturzeit-Moderatorin Tina Mendelssohn den Fall Madame Soler. Als hätte das je ein Kurator bestritten. Aber in allen Restitutionsfällen muss geklärt werden, ob das konkrete einzelne Bild unter Druck und unter Wert verkauft wurde, ob es erpresst, beschlagnahmt und von den Nationalsozialisten "verwertet" wurde.

Aktuelle Provenienzforschung - das machte jetzt auch der vom Münchner Institut für Zeitgeschichte und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen veranstaltete Workshop "Kunstraub und Restitution" wieder deutlich - versucht schmerzlich akribisch Vorgänge aufzuarbeiten die eben nicht in jedem Geschichtsbuch stehen. Vorgänge, die teilweise nur schlecht dokumentiert beziehungsweise nur fragmentarisch überliefert sind. Ein Grundproblem der Forschung ist, dass sie bisher fast immer Einzelfallforschung ist, zeitlich befristet und personell ohne die nötige Kontinuität.

Immerhin kam es in den letzten zehn Jahren (nahezu ohne Presse-Begleitung) zu 100 Restitutionen mit insgesamt 1500 Objekten. Mittlerweile haben sich 17 Museen zu einer Forschungsgemeinschaft zusammengeschlossen. Aber das sind kaum mehr als ein Prozent aller 109 öffentlichen Einrichtungen. Und noch immer konzentrieren sich die Recherchen auf Malerei, klassisch moderne zumal. Kunstgewerbliche, naturwissenschaftliche, technikgeschichtliche Sammlungen rühren bisher kaum an die Problematik.

Grundlagenforschung, die sich ohne Druck konkreter anwaltlicher Restitutionsanfragen, dem Deutschen Kunsthandel in der Zeit des Nationalsozialismus (und darüber hinaus) widmet, steht erst am Anfang. Immer mehr junge Kunsthistoriker beginnen sich für die Rückseiten der Gemälde zu interessieren. Aber die Museen sind kaum vernetzt, kritisierte die Sprecherin der Arbeitsgruppe Provenienzforschung. Dabei sehen sich alle Forscher mit den gleichen Problemen konfrontiert: Bestimmte Nachlässe sind immer noch gesperrt. Viele Kunsthändler verweigern jede Auskunft und erst recht jede Einsicht in ihre Bücher. Umso wichtiger sind neuerschlossene Quellen, Akten wie Briefe.