Berlinale-Abschluss Nun hast du Verantwortung für uns

"Im Angesicht des Verbrechens" ist eine Mafia-Serie nach amerikanischem Strickmuster. Trotzdem wird Dominik Grafs Schattenwelt für Furore sorgen.

Von C. Keil

Die Frage, ob Fernsehen auf einem Filmfestival vertreten sein muss, stellt sich in Deutschland bestenfalls noch unterm künstlerischen Aspekt, denn wirtschaftlich wäre deutsches Kino ohne das deutsche Fernsehen nicht darstellbar - was zunächst nur am System liegt, vor allem dem gebührenfinanzierten.

In den USA, wo sich beide Medien bis vor ein paar Jahren ideologisch abgegrenzt hatten, hat das Fernsehen mit einer Generation beeindruckend unterhaltender Serien wie "24", "Sopranos", "Sex and the City", "Californication", "Mad Men" oder "The Wire" der Filmindustrie in Hollywood nicht nur Konkurrenz gemacht, sondern auch ihr Produkt, den Kinofilm, nachhaltig beeinflusst.

Die Verdichtung aller guten Kriminalfilme

Es gibt heute einen Stil und eine Ästhetik, die handwerklich die große Leinwand zusammenbringen mit dem großem Erzählbogen. Regisseure wie J.J. Abrams, der TV-Serien schuf oder mit anderen entwickelte ("Alias", "Lost"), bekam das Angebot, "Mission Impossible III" zu drehen, weil er beim Fernsehen Spannung mit einem modernen Verständnis von Taktung und auch Dramaturgie inszenierte.

In Deutschland versucht das Kino sich von der Zielgruppen-Formatierung des Fernsehens abzugrenzen, während das Fernsehen sich optisch und technisch auf Augenhöhe mit dem Kino wähnt. Der Stand ist jedenfalls so, dass Dominik Graf seine insgesamt acht Stunden umfassende ARD-Serie "Im Angesicht des Verbrechens" am Schluss der 60. Berlinale in zwei vierstündigen Vorführungen im Internationalen Forum zeigen konnte. Das wurde allgemein als besondere Wertschätzung Grafs, weniger des Fernsehens verstanden. So war es vermutlich gemeint. Doch müsste es nicht zum Selbstverständnis eines Festivals gehören, herausragende nationale Produktionen, auch die des Fernsehens, ins Programm zu nehmen?

"Im Angesichts des Verbrechens" ist die Verdichtung aller guten und sehr guten Kriminalfilme, die Dominik Graf in den vergangenen zwanzig Jahren vorgelegt hat. Graf mag Action, er mag Details, er drückt aufs Tempo, er inszeniert das scheinbar Nebensächliche, um den Kern seiner Figuren frei zu legen. Er hat gute Musiker, eine gute Cutterin, und er ist ein Regisseur, der Schauspieler besser macht - auch oder gerade etablierte wie Misel Maticevic, Marie Bäumer, Max Riemelt und Ronald Zehrfeld, um die wichtigsten dieser Serie zu nennen.

Wenn Graf mit irgendetwas noch überrascht, dann mit einer Leichtigkeit, die er sich für seine anstrengendste Arbeit zugelegt hat. Das Projekt war wohl von Anfang an unterfinanziert, am Ende von 116 Drehtagen war die Produktionsfirma insolvent (Budget: circa zehn Millionen Euro), Graf weigerte sich, aus Kostengründen auf vereinbarte Drehbuchmotive zu verzichten.

Amerikanische Serienkunst

Die ARD hielt zum Regisseur und bekam 480 Minuten, die als Serie eine erste deutsche Antwort auf das dynamische, präzise und humorvolle amerikanische Erzählfernsehen ist: einerseits Kriminalfilm, andererseits Mafiadrama, vor allem packend.

Sehr amerikanisch, gar nicht so sehr inhaltlich, sondern wegen seiner großen Qualität, ist das spektakuläre Drehbuch von Rolf Basedow, der mehr als ein Jahr im Milieu jüdischer Russen recherchierte, der ihre Sprache, Gewohnheiten und Regeln lernte. Amerikanische Serienkunst ist kein Geheimnis, sie basiert auf der sorgfältigen, professionellen Betreuung der Bücher.

In den zehn Folgen, die Basedow schrieb, geht es um Familie und Verbrechen und die damit verbundenen Themen Loyalität, Verrat, Liebe und Hass. Beinahe soziologisch genau nimmt Graf die im Berliner Stadtteil Charlottenburg angesiedelte Welt rivalisierender Russen-Clans unter die Lupe.

Timing für Wendungen

Es ist ein Schattenreich, in dem Basedow ganz spezielle Gruppen und Typen markiert hat, die Graf nun mit seinen Objektiven verfolgt. Die Dialoge bilden das Fundament, auf dem die Handlung steht. Die Handlung ist nicht kompliziert, Graf inszeniert mit klassischen Mitteln, er kennt sich im Stoff aus, der authentisch ist und ausreichend fiktional. Und er findet das richtige Timing für Wendungen.

Max Riemelt spielt den lettischen Juden Marek, der in Berlin aufwuchs und zur Polizei ging, weil sein Bruder erschossen wurde. Marie Bäumer ist seine Schwester Stella. Heirate nie eine Russin, rät sie Marek, denn sie hat einen Russen gewählt - das heißt, sie hat in die Mafia eingeheiratet. Mischa (Misel Maticevic) verdient Millionen mit Zigarettenschmuggel. Seine Sippe kämpft um die Macht, die Gegner machen in Prostitution, es gibt einen Bandenkrieg. Irgendwann ist Marek auf Mischas Spur, auch er sucht nach Vergeltung.

Der Kampf zweier verschieden starker Männer erinnert an den Kinofilm "Heat". Bei Michael Mann ist der Kriminelle moralischer und eleganter als der Polizist und der Polizist rücksichtsloser als der Kriminelle. Graf trennt gut und böse schärfer. Es gibt zwar Gute, die böse, und Böse, die gut oder sympathisch sind. Doch Marek und sein Partner beim LKA (Ronald Zehrfeld) verkörpern junge Polizisten, die etwas mit ihren Mitteln erreichen wollen, auch Erfolg. Mischa steht nie auf ihrer Seite, obwohl er die familiäre, verlässliche Ordnung der alten Syndikate verkörpert. Die Konflikte, die Marek austrägt, sind persönlicher, nicht systemischer Natur: Er liebt eine Nutte, das ist romantisch und gefährlich.

Ein teuflischer Pakt

In einer entscheidenden Szene der ersten Hälfte zitiert Graf Steven Soderberghs Drogen-Thriller "Traffic". Marie Bäumer fordert Maticevic, also Mischa, plötzlich auf, ihr die Wahrheit über seine dunklen Geschäfte zu verraten. Sie wollte das nie wissen, ein Leben in Luxus statt in Lettland genügte ihr.

Er weiht sie ein und sagt dann etwas wie: Nun hast du Verantwortung für uns. Graf choreographiert diesen Moment der Verwandlung als beinahe teuflischen Pakt. Beide haben wieder Sex. Ein großartiges Bild. Eines von vielen.

Im April wird "Im Angesicht des Verbrechens" bei Arte laufen und im Herbst in der ARD. Die Serie, stilistisch eine Gangsterstory aus dem Neunziger-Jahre-Berlin, wird Furore machen, und das Fernsehen wird sich als Sieger fühlen. Ob es die Gründe für den Sieg kennt?

Abgesehen von handwerklichen gibt es einen zentralen Grund: Hier hat weder eine Marktforschung noch ein Sendeplatzdesigner oder Quotenanalyst entschieden. Hier entstand eine Serie, weil ein paar sehr krative und genresichere Leute unbedingt einen Stoff verfilmen wollten. Mehr ist gar nicht. Und gut, dass diese eher maue Berlinale ihn präsentierte.

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