Benedict Wells: "Vom Ende der Einsamkeit" Wer bin ich eigentlich?

Auf keinen Fall will er Pop-Literat sein: Benedict Wells in München

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Nichts liegt dem Autor Benedict Wells ferner als Aufmerksamkeit heischender Ego-Pomp. Mit seinem Roman "Vom Ende der Einsamkeit" stürmt er trotzdem gerade die Bestsellerlisten - zu Recht.

Von Christian Mayer

Was wäre die Literaturgeschichte ohne Waisenkinder, ohne die Verlorenen und Verlassenen? Die Liste der Waisen, die sich in feindlicher Umgebung behaupten müssen und dabei oft aus der Not eine Tugend machen, ist lang, sie reicht von Tom Sawyer und Oliver Twist über Heidi und Jane Eyre bis hin zu Harry Potter.

Sieht man sich ein wenig in der Populärkultur um, findet man ebenfalls lauter Helden, die den frühen Verlust ihrer Eltern verarbeiten müssen und ihre Traumata oft mit exzessivem Tatendrang überspielen. Tarzan, James Bond, Superman und Batman - sie alle haben diesen Fleck in ihrer Biografie, der mal heller und mal dunkler aufscheint, es treibt sie die Frage an: Wer bin ich eigentlich?

Wells liebt die Ordnung, die erzählerische Sorgfalt

Nun hat auch der Münchner Benedict Wells, der gerade die Bestsellerlisten stürmt und Ende Mai mit dem European Union Prize for Literature ausgezeichnet wird, einen Selbstfindungsroman geschrieben. "Vom Ende der Einsamkeit" heißt das Buch, das anders als die spektakulären Neuerscheinungen in diesem Frühjahr weder als Großerzählung daherkommt noch als faustdickes Bekenntnis. Nichts liegt ihm ferner als Aufmerksamkeit heischender Ego-Pomp.

Wells liebt die Ordnung, die Knappheit, die erzählerische Sorgfalt. Es beginnt mit einem langsamen Erwachen, einer Bewusstwerdung, die dann in eine fast schon klassische, chronologische Erzählung mündet. Jules, der Ich-Erzähler, öffnet nach einem zweitägigen Koma die Augen. Nach einem Motorradunfall liegt er im Krankenhaus mit einem "leisen Dröhnen" in seinem Kopf. Beinahe wäre die Sache tödlich ausgegangen, doch der sportliche Jules hat überlebt, in der Klinik erinnert er sich an das, was ihm widerfahren ist: "Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich" - das ist schon mal ein ziemlich großer Einstiegssatz.

Bei seinem Debüt staunte man über die Reife des damals erst 23-jährigen Autors

Vor vielen Jahren sind Jules Eltern bei einem Autounfall in Frankreich ums Leben gekommen, Jules war damals zehn. Eine Familienkatastrophe, die den Erzähler und seine älteren Geschwister Marty und Liz aus der Bahn geworfen hat. Aus dem draufgängerischen Jules wird ein schüchterner, in sich gekehrter Internatsschüler und später ein mäßig erfolgreicher Mitarbeiter einer Musikfirma, der unter seiner "Talentlosigkeit" leidet und den letzten gemeinsamen Momenten mit seinem Vater nachtrauert, von dem er fast schon pflichtgemäß die Liebe zur Fotografie übernommen hat.

Marty, der ältere Bruder, gefällt sich als genialischer Einzelgänger und Nerd, wird dann relativ rasch vernünftig und bringt es mit einer Computerfirma zu Wohlstand, ohne jemals den seltsamen Tick ablegen zu können, Türklinken heimlich nach einem bizarren Zahlensystem herunterzudrücken. Liz, die attraktive ältere Schwester, balanciert mit ihrem erhöhten Männer- und Drogenkonsum immer am Abgrund: Um nicht selbst noch einmal verlassen zu werden, verlässt sie die anderen. "Sie redete, wie ein Verdurstender trinken würde: gierig nach jedem einzelnen Wort", so schildert der Erzähler seine Schwester, die Unerreichbare.