11. Februar 2013 10:44 Wettbewerb der Berlinale 2013 Wenn Sex und Drogen nur noch peinlich sind

Von Tobias Kniebe

Thomas Arslan und Nina Hoss haben einen Goldgräber-Western gemacht, mit traumwandlerischer Sicherheit. Neben ihrem Film "Gold" wirkt das erste Berlinale-Wochenende merklich blass. Und schlimmer als in "The Necessary Death of Charlie Countryman" kann Hipsterkino kaum misslingen.

Nina Hoss im Wilden Westen, im ersten Bild ist das durchaus ein Schock. Dampf wallt auf, Bremsen zischen, sie steigt aus dem Zug wie Legionen von Westernfrauen vor ihr, angespannt, verunsichert und doch finster entschlossen. Kann es eine Verzerrung des deutschen Blicks sein, dass sie hier besonders fremd wirkt? Flacher schwarzer Hut, strenge Kleidung, die Mundwinkel hart nach unten gekerbt. Irgendwie ist das Berliner Schule, dieses Minimalistenkino der vereisten Wohlstandsgesellschaft, aber Millionen Meilen aus der Komfortzone gerissen. Man fürchtet ein wenig um diese Frau, am Anfang von Thomas Arslans "Gold", dem deutschen Beitrag im Wettbewerb. Muss dieser Trip nicht jämmerlich scheitern?

Das zumindest sagen die harten Männer von British Columbia, im Sommer 1898. Am Klondike ist der Goldrausch ausgebrochen, eine Reisegruppe deutscher Emigranten hat sich verabredet, Nina Hoss ist dabei, sie kommt allein. 1500 Meilen wollen sie mit Pferd und Planwagen durch die Wildnis ziehen, bis hinauf zu den Goldfeldern, aber jeder Trapper und Holzfäller, dem sie begegnen, schüttelt nur erstaunt den Kopf. Und dann fangen die Schwierigkeiten an, langsam und zunächst denkbar banal: ein umgestürzter Baum auf der Straße, ein Radbruch, ein Fluss ohne Furt. Und auf die Frage, warum sie allein sei, sagt Nina Hoss nur: "Ist eben so."

Man muss sich auf diesen Film einlassen, der seine majestätischen Landschaften nicht ausstellt, sondern immer ein wenig ausgebleicht zeigt, der keinerlei Eile hat, die Schrauben des Dramas anzuziehen. Und doch ist es dann berührend zu sehen, wie Thomas Arslan, dieser deutsch-türkische Berliner, die Sache angeht: mit einem Ernst nämlich, der keinerlei Genre-Augenzwinkern kennt, der die Slidegitarren einsetzt, als höre er sie zum ersten Mal, mit einer unschuldigen, beinah traumwandlerischen Sicherheit. Er fängt mit einer Art deutschen Gouvernante an, die Nina Hoss dann auf kaum merkliche Art durch gewaltige Transformationen schickt - und am Ende, als sie ihrem Pferd wieder die Sporen gibt, sehen wir eine Weltkinoheldin. Das muss diesen beiden erst einmal einer nachmachen.

Der Rest des ersten Wochenendes löst, was den Wettbewerb betrifft, eher Ratlosigkeit aus. "A Long and Happy Life" von Boris Khlebnikov zeigt nordrussische Bauern, die sich gegen Behördenwillkür wehren wollen und dann doch zu feige sind. Einer bleibt standhaft, angelehnt an Fred Zinnemanns "High Noon", nur versteht der Regisseur leider das Thema seines Vorbilds nicht. "The Necessary Death of Charlie Countryman", ein amerikanischer Debütfilm von Fredrik Bond, will Hipsterkino im exotischen Bukarest sein, Sex, Drogen, Gewalt und wahre Liebe - und ist dann so peinlich kolonialistisch in seinem Blick, dass selbst ein lachhafter Auftritt von Til Schweiger es nicht mehr schlimmer machen kann.

Als besonders symptomatisch für die Auswahlprobleme der Berlinale kann man aber "Gloria" von Sebastián Lelio herausheben - einen Film aus Chile, der von den Kritikern mit warmem Applaus bedacht wurde und sicher auch vom Publikum gemocht werden wird. Lelio zeigt in liebevoller Ausführlichkeit den Alltag einer 58-jährigen Frau in Santiago de Chile, geschieden, zwei erwachsene, wohlgeratene Kinder, der Bürojob offenbar sicher und nicht zu hart, das Leben eigentlich im Griff. Sie wird als kultiviert und liebevoll vorgestellt, sie sehnt sich nach einem Mann, sie möchte als Frau und als sexuelles Wesen noch wahrgenommen werden - und genau das tut der Film mit erkennbarer Sympathie.

Also bitte schön, was könnte man dagegen haben? Gibt es diesen Blick auf Frauen nicht viel zu selten, gerade in diesem Alter, verdient nicht allein schon die Entscheidung für diese Heldin Respekt? So denken sie ganz sicher bei der Berlinale, und so denken sie ganz sicher auch beim Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, das Lelio letztes Jahr für sechs Monate nach Berlin geholt hat. Stattdessen wirkt es jetzt aber so, als habe das Virus des deutschen Förderdenkens auf diesen eigentlich hochinteressanten Filmemacher übergegriffen: Man ruht sich auf der gut gemeinten Intention aus und klopft sich dafür ständig selbst auf die Schulter - und unter der Hand vergisst man, einen Film zu machen.

Diese "Gloria" krankt nämlich an demselben Problem, das Tausende starke Frauen in tausend deutschen Degeto-Fernsehfilmen (oder wie das hirnvernebelnde Opium für die ältere Zuschauerin sonst so heißen mag) auch haben. Man hofft, für diese Figuren etwas Gutes und Emanzipatives zu tun, indem man ihnen keine existenziellen Schwächen, keine hässlichen oder zumindest fragwürdigen Charakterzüge zugesteht - und gerade in diesem Akt raubt man ihnen jede Chance, überhaupt zur dramatischen Figur aufzusteigen. Am Ende ist "Gloria" ein so langweiliger Film, dass man ungefähr zwei Folgen "Homeland" mit Claire Danes braucht, um den schalen Geschmack im Mund wieder loszuwerden.

Oder man erinnert sich, wie unbesiegbar und geradezu mythisch Nina Hoss am Ende von "Gold" in die Landschaft geblickt hat. Sie durfte das, weil sie zuvor vom Schicksal und von der Wildnis getestet wurde, bis wirklich auf die Knochen. Bei der Pressekonferenz und auf dem roten Teppich freilich fehlte Nina Hoss plötzlich. Das berüchtigte Berlinale-Grippevirus, gefährlicher noch als der Typhus vom Klondike, habe sie niedergestreckt, hieß es.