66. Filmfestspiele Venedig Mafia als Massenspektakel

Alles wird anders trotz Nostalgie: Venedig baut um, und Giuseppe Tornatore eröffnet den Wettbewerb mit dem sizilianischen Epos "Baaria".

Von Tobias Kniebe

Alles werde bald einfacher, unkomplizierter, erfreulicher werden - das ist das große Versprechen, das die Festivalmacher in diesem Jahr für die Zukunft geben. Was das genau bedeutet, merkt man allerdings erst, wenn man sich dem Mostra-Gelände auf dem Lido nähert: Alles scheint hier plötzlich Bauzaun zu sein, man verirrt sich fast in einem nie gesehenen System von Sperrholzschluchten - und selbst dort, wo gar nicht am neuen, nunmehr für das Jahr 2012 versprochenen Festivalpalast gewerkelt wird, scheint den Gebäuden eine seltsame, mit Sponsorenlogos und Wegweisern gepflasterte Hülle übergezogen zu sein. Man sieht es und kann nicht leugnen, dass hier nun wirklich mal etwas passiert.

Andererseits muss man doch leicht wehmütig daran denken, dass das alte Festival ja eigentlich schon einfach, unkompliziert und erfreulich war: Organisatoren wie Gäste schlurften im goldenen Spätsommerlicht vor sich hin, und die Probleme - welche Probleme? - regelten sich auf magische Weise wie von selbst.

Zum neuen italienischen Aktionsgeist passt die Tatsache, dass die Italiener auch mal wieder einen richtig teuren und opulenten Film fertiggestellt haben, der das Fest - zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren wieder - sogar eröffnet. Es handelt sich um "Baaria" von Giuseppe Tornatore, von dem alle Welt zu erwarten scheint, dass er - nach ebenfalls ziemlich genau zwanzig Jahren - endlich einen zweiten "Cinema Paradiso" hinlegt.

Kurz zur Erinnerung: "Cinema Paradiso" war dieser oscargekrönte Welterfolg, bei dem sonnendurchflutetes sizilianisches Lokalkolorit, Kleine-Leute-Nostalgie, große schwarze Kinderaugen und weltumspannende Kinoliebe schließlich zu einer tränenreichen Saga zusammenflossen, die vom Erwachsenwerden handelte und davon, seinen Platz im Leben zu finden. Um all diese Dinge geht es nun auch wieder in "Baaria", sogar die Kinoliebe und das Sammeln von Filmschnipseln kommt vor, allerdings am Rande.

Der Regisseur als Hauptgewinn

Einfach noch einmal dasselbe zu machen, das verträgt sich nun allerdings nicht mit dem Anspruch eines großen Festivals. So wird einem doch etwas mulmig zumute, wenn das Sandsteinbarock der sizilianischen Kleinstadtplätze, die knarzigen Alten vor ihrem Espresso, die aufgeweckten Augen der kleinen Jungs, durch deren Blick man das Geschehen oft betrachten darf, fast eins zu eins an "Cinema Paradiso" erinnern. Andererseits erzählt Tornatore hier eben wieder von seiner Heimatstadt nahe Palermo, die dem Film den Titel gibt, obwohl sie im offiziellen Italienisch eigentlich Bagheria heißt - und von der Geschichte seiner eigenen Familie. Vielleicht war Sizilien in seiner Jugend eben wirklich so? Wir waren nicht dabei und wollen den aufkeimenden Unglauben erst einmal suspendieren - aber es wirkt doch so, als hätte man einen vergleichbaren Berlin-Film einzig und allein aus Heinrich-Zille-Genreszenen komponiert.

Als wirklich störend erweist sich dann, dass Tornatore auch selbst der Tragfähigkeit der eigenen Nostalgie offenbar nicht traut. Unheimlich laut und hektisch geht "Baaria" gleich los, das Choreographieren von Massenszenen scheint hier der eigentliche Sport zu sein, und er kommt praktisch nie zur Ruhe. Dabei wäre es doch wirklich schön, dass die Handlung sich viel weitverzweigter und weniger selbstgewiss als in anderen Tornatore-Filmen entspinnt: Der Kommunistenvater ist ein herzensguter Aktivist, der als Kind schon über Mussolini lacht, aber als Lokalpolitiker kriegt er später nie wirklich etwas hin; dafür wird er auch nicht von der lokalen Mafia umgebracht. Die ganzen, eigentlich tödlichen Konflikte Siziliens sind präsent, sie werden aber nicht wirklich auf die Spitze getrieben, Tornatore kommt nie auf irgendeinen dramatischen Punkt. Darin gleicht diese Story allerdings, wenn man ehrlich ist, den meisten realen Familiengeschichten - und gerade dieses Anekdotisch-Versponnene könnte die Schönheit von "Baaria" ausmachen. Sie wird aber von dem selbstauferlegten Zwang erdrückt, gleichzeitig Massenspektakel zu sein.

Bei der Frage schließlich, was der tiefere philosophische Sinn des Ganzen sein könnte, muss man sich schließlich selbst eine Erklärung zusammenreimen, die in ihrer Eitelkeit geradezu atemberaubend ist. Ein komplizierter Steinwurf in den Bergen über der Stadt, das wird groß eingeführt, ist das ultimative Orakel fürs Glück.

Am Ende gelingt er dem müden, schon ergrauten Kommunisten, als der schon längst nicht mehr daran glaubt - just vor der Szene, in der er einen seiner Söhne, der erkennbar Tornatore selbst ist, ins Leben (und wir nehmen an, in das Leben eines später weltbekannten Filmemachers) entlässt. Kurz gesagt: Der Regisseur ist hier in Personalunion auch gleich der Hauptgewinn - die Geschichte seiner Familie, ja sogar die Geschichte halb Siziliens, läuft eigentlich darauf hinaus, ihn hervorgebracht zu haben. Und da kann man nun sagen, was man will - aber so was kann wirklich nur einem Italiener einfallen.

Film ab in Lagunenstadt

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