65. Filmfestival Cannes Das Spiel muss weitergehen

Der Neuseeländer Andrew Dominik (erfolgreich mit "The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford") hat seinen neuen Film "Killing Them Softly", der ebenfalls im Wettbewerb lief, wieder in den USA gedreht - ein Land, das er interessant findet, aber ganz offensichtlich nicht besonders mag.

In "Killing Them Softly" haben drei kleinkriminelle Idioten eine richtig blöde Idee: Sie rauben ein illegales Casino aus, dessen Betreiber Markie (Ray Liotta) bei seinen Bossen schon einmal damit durchgekommen ist, sich selbst zu beklauen. Also, denken die drei, wird wieder er in Verdacht geraten, und sie können ihre Beute in hässlichen Bars durchbringen.

Pustekuchen. Der von den Supergangstern auf den Fall angesetzte Killer Cogan (Brad Pitt) beschließt zwar, erstmal den Markt zu beruhigen - niemand betritt ja mehr ein illegales Casino, wenn er Gefahr läuft, dort ausgeraubt zu werden -, indem er Markie aus dem Verkehr zieht: Das Spiel muss weitergehen, damit die Bosse Gewinn machen. Aber wenn er schon mal dabei ist, will er gleich richtig aufräumen im scheußlichsten Viertel von New Orleans, einer Stadt, mit der man weder den Dauerregen noch die Gesichtslosigkeit verbinden würde, die Dominik hier zeigt.

Gangsterfilme, sagt Dominik, handeln grundsätzlich vom Kapitalismus - und so hat er aus dem Roman, den George V. Higgins in den Siebzigern schrieb, eine Parabel auf die Börsenspielchen von heute gemacht. Hat die Geschichte verlegt auf den Höhepunkt der Finanzkrise im Herbst 2008, Barack Obamas Wahlkampfreden und George W. Bushs ökonomische Durchhalteparolen röhren aus den Fernsehern, während Cogan allen die Spielregeln klarmacht: Wer sich in seiner Gier mit den Königen der Gier anlegt, geht unter, und die Bank gewinnt immer.

Dominik hat das stilistisch einwandfrei inszeniert, mit schönen kleinen Drogenrausch-Effekten, Zeitlupen und Spiegelungen, und Brad Pitt ist in Höchstform. Die Politparabel ist vielleicht manchmal ein wenig zu plakativ geraten, aber sei's drum: An der Wall Street ist Geld nun mal tatsächlich wichtiger als Menschen. Und wahrscheinlich hat sich dort auch Cogans Motto herumgesprochen: Man sollte bei der Arbeit nicht so nah an die Menschen rangehen und sich den ganzen Gefühlskram antun.

In der Nebenreihe "Un certain regard" lief "After Lucia" des jungen mexikanischen Regisseurs Michel Franco - die Geschichte eines Highschool-Mobbings, die ganze Klasse schießt sich ein auf ein Mädchen, das nach dem Tod der Mutter in einer neuen Stadt mit dem Vater versucht, sich wieder im Leben einzurichten.

Weit unten in der Nahrungskette

Ein durch und durch brutaler Film, im Grunde auch grausamer als "Killing Them Softly". Das Prinzip ist aber dasselbe: Wenn eine Gesellschaft erst einmal Gewalt und Betrug, Lüge und Verrat zugelassen hat, dann gilt nur noch das Gesetz des Stärkeren. Die Kids in "After Lucia" lernen dann allerdings noch dazu, dass sie in der Nahrungskette relativ weit unten stehen.

Vielleicht ist die Welt wirklich so - aber im Grunde denkt einer wie Ken Loach dann doch weiter, der ihr auf seine Art den Kampf ansagt: Film um Film liebt er alles nieder, was ihm nicht gefällt. Alles, was man dazu braucht, ist ein guter Geist - am besten vierzigprozentig.

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