Studie zu Arbeitsbedingungen Junge Arbeitnehmer klagen über Stress

Viele Überstunden, schlechte Bezahlung, unsichere Jobs - viele junge Beschäftigte klagen über die hohen Belastungen ihrer Jobs. Angesichts der fehlenden Fachkräfte sieht der Gewerkschaftsbund noch ein anderes Problem: Der Nachwuchs wird verheizt.

Von Thomas Öchsner

Auch bei jüngeren Beschäftigten frisst sich der Beruf mehr und mehr ins Privatleben hinein. Viele müssen am Abend oder am Wochenende arbeiten, erledigen für den Betrieb Aufgaben zu Hause oder können selbst im Urlaub schlecht abschalten. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) bei mehr als 1200 Arbeitnehmern unter 35 Jahren.

Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock warnte deshalb davor, junge Leute auf Kosten ihrer Gesundheit "zu verheizen". Dies sei sicherlich kein Beitrag, um die von den Unternehmen gesuchten Fachkräfte zu gewinnen und zu behalten.

Die klassische Arbeitszeit - von neun bis fünf - gibt es für viele junge Beschäftigte offenbar nicht mehr: Fast jeder zweite Befragte (40 Prozent) gab an, oft am Abend zwischen 18 und 23 Uhr arbeiten zu müssen. Etwa genauso viele müssen am Wochenende ran, jeder achte sogar nachts. Überstunden sind der Umfrage zufolge nicht ungewöhnlich: Für mehr als zwei Drittel sind sie eher die Regel als die Ausnahme. Jeder fünfte leistet dabei sogar regelmäßig mehr als zehn Stunden.

Dabei sei "der Trend, seine Arbeit mental mit nach Hause zu nehmen, auch bei den jungen Leuten zu beobachten", sagt Sehrbrock. Zumindest erklärte jeder dritte der Befragten, zu Hause an Probleme bei der Arbeit denken zu müssen. Auch Stress und Hetze nehmen demnach zu: Gut jeder zweite hat den Eindruck, in den vergangenen Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten zu müssen. Besonders unter Zeitdruck fühlen sich junge Beschäftigte am Bau und in der Gesundheitsbranche, also zum Beispiel Krankenschwestern oder Pflegekräfte. Die Aussage - je höher die Position, desto größer der Stress - scheint pauschal nicht richtig zu sein: Aus der Umfrage ergibt sich, dass sowohl Führungskräfte als auch Hilfskräfte überdurchschnittlich stark Stress in der Arbeit empfinden.

Bei der Art der Anstellung bestätigt die Umfrage andere Untersuchungen: So ist lediglich knapp die Hälfte unbefristet beschäftigt. Der DGB spricht sich deshalb dafür aus, befristete Verträge künftig zu verbieten, wenn der Arbeitgeber dafür keine plausiblen sachlichen Gründen anführen kann. "Befristete Beschäftigung darf nicht zum Normalfall bei Neueinstellungen werden", sagt Sehrbrock. Die Unternehmen hätten in der Probezeit sechs Monate zur Verfügung, sich ein Bild vom neuen Mitarbeiter zu machen. Sie hält es für "nicht vertretbar, diese Probezeit durch befristete Beschäftigung weiter in die Länge zu ziehen".

Das Durchschnittseinkommen bei den unter 35-Jährigen liegt laut der Umfrage bei 1960 Euro brutto. Es gibt aber ein starkes Gefälle zwischen Frauen und Männern: Einen unbefristeten Arbeitsplatz mit einem Bruttoeinkommen von mehr als 2000 Euro haben 47 Prozent der Männer, aber nur 25 Prozent der jungen Frauen. Bei jedem sechsten Befragten liegt es sogar unter 800 Euro. Entsprechend negativ bewerten viele junge Leute ihre Einkommenssituation: Etwa jeder zweite Befragte ist damit nicht zufrieden und kommt mit dem Geld nur schwer über die Runden.

Insgesamt lässt der DGB für seinen Index "Gute Arbeit" regelmäßig mehr als 6000 Arbeitnehmer aus allen Branchen, Regionen und Betriebsgrößen zu ihren Arbeitsbedingungen befragen. Davon waren 1238 (ohne jobbende Studenten, Praktikanten oder Auszubildende) unter 35 Jahre alt, auf deren Angaben die DGB-Zahlen beruhen. Auffällig ist dabei auch, wie viele sich große Sorgen wegen ihres Ruhestands machen: Drei Viertel der Befragten glauben nicht, dass sie einmal von der gesetzlichen Rente leben können.