IWF-Chefin Christine Lagarde "Krisen sind gut für Frauen"

Christine Lagarde in ihrem Büro der Pariser IWF-Zentrale nahe der Place Charles de Gaulle.

(Foto: SZ)

Christine Lagarde ist als Chefin des Internationalen Währungsfonds eine der mächtigsten Frauen der Welt. Ein Gespräch über Diskriminierung, Krisen als Chance und weibliche Führung.

Interview von Alexandra Borchardt und Cerstin Gammelin

PLAN W: Madame Lagarde, haben Sie den Film Star Wars gesehen?

Lagarde: Oh ja!

Da bleiben zwei Frauen übrig, um die Menschheit zu retten.

Das Symbolische daran gefällt mir. Und die beiden scheinen deutlich besser zu altern als die Männer.

Ist das ein Hollywood-Ende, oder spiegelt das den Trend wider, dass immer mehr Frauen an die Macht gelangen?

Auf jeden Fall hoffe ich das. Die Welt der Politik und besonders die Finanzwelt sind so lange von Männern beherrscht worden, da wird es Zeit, 
mehr Frauen ganz oben zu sehen. Dann können sie zeigen, dass sie es können.

Es führen jetzt schon zwei Frauen die Finanzwelt an, Sie und Fed-Chefin Janet Yellen...

Genau, die weißhaarigen Zwillinge.

Und nächstes Jahr haben wir vielleicht noch die blonden Zwillinge Hillary Clinton und Angela Merkel. Na ja, vielleicht eher: blondiert.

Lassen Sie uns großzügig sein und sagen: die beiden Blondinen.

Wäre das Zufall?

Die öffentliche Meinung hat sich geändert. Ich glaube, dass Angela Merkel sehr viel dafür getan hat. Sie zeigt, dass Frauen tatsächlich führen können, kompetent - und mit Mut.

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Sie persönlich vertreten offensiv, dass Sie eine Frau sind und deshalb anders führen. Warum?

Ich verfolge diese Strategie, seitdem ich das erste Mal Diskriminierung erlebt habe. Ich hatte das Glück, mit Brüdern aufzuwachsen. Ich war die einzige Tochter und das älteste Kind. Ich habe keine Puppen zum Spielen bekommen. Es war mir nicht in die Wiege gelegt, das schwache, sich unterordnende junge Mädchen zu werden.

Und dann?

Suchte ich zum ersten Mal Arbeit. Da sagte mir diese Kanzlei, wir nehmen Sie sofort, aber erwarten Sie nicht, irgendwann Partnerin zu werden. Und als ich fragte warum, hieß es: "Weil Sie eine Frau sind." Da war ich geschockt! Deswegen habe ich das Thema immer angesprochen, auch weil es mich im Berufsleben begleitet hat. Ich musste immer ein wenig länger warten als männliche Kollegen, zum Beispiel als ich zwei kleine Kinder hatte.

Das war vor drei Jahrzehnten...

Ja, aber ich habe über die Jahre immer wieder mit Frauen geredet, mit Freundinnen meiner Söhne oder jungen Frauen, die mir aufgefallen sind. Und ich weiß, dass sie immer noch Diskriminierung erleben. Vielleicht nicht so laut und explizit wie ich, aber sie ist da.

Haben Sie das gleich angeprangert? Die meisten Frauen behalten das für sich, zumindest bis sie oben angekommen sind.

Ich habe damit früh angefangen. Obwohl, nein, ehrlich gesagt habe ich damit auch erst angefangen, als ich Partnerin geworden bin.

In der US-Kanzlei Baker & McKenzie...

Ja, als ich in einer Position war, aus der heraus ich Standards setzen konnte. 
Als ich mir immer Mittwochnachmittag freigenommen habe, konnte mir niemand mehr etwas sagen. Ich habe das auch anderen ermöglicht. Es ist wichtig, dass Frauen an entscheidenden Stellen die Stimme erheben für jene in schwächeren Positionen. Allerdings machen das nicht viele. Einfach, weil man es allzu leicht vergisst. Man macht einen Karriereschritt und noch einen, und dann ist man in einer Führungsposition und nimmt die Welt so hin, wie sie ist.

Angela Merkel hat erst im vergangenen Jahr angefangen, sich explizit für Frauen einzusetzen.

Ja, erst seit Kurzem!

Haben Sie beide darüber gesprochen?

Ich habe sie gefragt. Ich glaube, sie hat ihre persönlichen Gründe dafür, sich nicht so viel mit Diskriminierung auseinandergesetzt zu haben und auch nicht damit, wie wichtig die Stärkung von Frauen für die Wirtschaft ist. Aber jetzt will sie mehr bewegen. Ich bin wirklich froh darüber.

Es heißt, Sie seien mit Merkel eng befreundet?

Ich habe sie sehr früh in ihrer Kanzlerschaft getroffen, als ich Finanzministerin war. Da hatte sie Wirtschaftsführer aus Deutschland und Frankreich eingeladen, ich durfte dabei sein. Das macht sie gern: Sie bringt Menschen zusammen, sie hört ihnen zu, sie erläutert ihnen die deutsche Position, und dann essen alle gemeinsam.

Das klingt entspannt.

Sie ist sehr gut darin, tatsächlich eine der Besten! Erst ist es formal, dann wird es informell, und alle fühlen sich wohl. Sie ist jemand, der auch weniger wichtige Menschen beachtet, und ich war ein unwichtiger Mensch. Normalerweise ist das so: Staatschefs reden mit Staatschefs, Minister reden mit Ministern, Stabschefs reden mit Stabschefs, und niemand durchbricht diese Hierarchien. Sie ignoriert das. Sie schaut sich um, sie sieht, wer interessante Dinge sagt, wem sie helfen oder von wem sie lernen kann. Sie hat mir damals Fragen gestellt. Da war ich zwar keine Praktikantin mehr, aber nur eine Ministerin eines anderen Landes. Heute komme ich manchmal zu ihr mit meinen Mitarbeitern, und wenn sie eine Frage hat, fragt sie auch 
mal direkt jemanden von denen. Ich bin dann nicht beleidigt.

Klappt das, weil Sie beide Frauen sind?

Ich habe keine Ahnung, wie sie mit Männern meiner Position redet.

Würden Sie Ihr Verhältnis als echte Freundschaft bezeichnen?

Sie ist eine sehr private Person, ich bin das auch. Wir lieben beide Musik, das verbindet. Sie hat mir schon wunderbare Musik der Berliner Philharmoniker gegeben. Und ich habe ihr und Wolfgang Schäuble versprochen, dass ich mal nach Bayreuth und nach Salzburg gehen werde. Wolfgang Schäuble ist übrigens ein sehr enger Freund.