Innovative Geschäftsideen in Berlin Kartoffeln aus der Kiste

Robert Shaw und Marco Clausen bauen in den "Prinzessinnengärten" Gemüse, Kräuter und Salat in Plastikkisten an.

Robert Shaw sitzt zwischen Tomatenstauden, Kürbispflanzen und Koriandersträuchern, schiebt sich die Mütze aus dem Gesicht, lächelt und sagt: "Ich bin ja eigentlich kein Gärtner." Eigentlich. Irgendwie ist er dann jetzt doch einer, seit zwei Jahren, zusammen mit seinem Freund Marco Clausen. Shaw hatte Film studiert, Clausen ein Restaurant betrieben, als die zwei sich kennenlernten. Shaw erzählte von seinen Eindrücken, die er auf Kuba gewonnen hatte. In Havanna leben manche Bewohner von selbst gepflanztem Stadt-Gemüse. "Lass uns doch einen Garten machen", schlug Shaw vor. So entstanden die Prinzessinnengärten.

Dort, wo Berlin am hässlichsten ist, am Moritzplatz in Kreuzberg, fanden die beiden eine zugemüllte Fläche, die in den letzten sechs Jahrzehnten meist brach lag. Jetzt blüht es dort wie in englischen Vorgärten, es wachsen Fenchel, schwarzer Basilikum, Zuckerschoten und 17 verschiedene Kartoffelsorten, als sei es hier schon immer grün gewesen.

Man kann Patenschaften für Beete kaufen, wobei die Beete aus ausgemusterten Plastik-Brotkisten bestehen, um bei Bedarf den ganzen Garten an anderem Ort aufzubauen. Man trifft in den Prinzessinnengärten türkische Frauen aus der Nachbarschaft, die gemeinsam mit Agrarprofessoren aus Brandenburg, Gartenaktivisten aus New York und Hausfrauen aus Sibirien die transportablen Beete beackern oder Tipps austauschen. Wen der Hunger überkommt, kann im Gartenlokal Risotto mit Gartengemüse essen oder eine Pizza mit Korianderkernen oder einen Salat, der vor einer Minute erst gepflückt wurde.

Man kann Öko-Tomaten in den Prinzessinnengärten kaufen, man kann aber auch gärtnern, wenn man Lust dazu hat. Die leeren Milchtüten aus den Kreuzberger Cafés werden mit Erde aufgefüllt und Setzlingen, und schon wächst aus ihnen Pfefferminze oder Erbsenkraut. In diesem Sommer feiern Shaw und Clausen ein Jahr "Nomadisches Grün", wie sie sich nennen. Nie hätten sie gedacht, dass sich die ganze Welt für ihr Öko-Paradies erwärmt.

Wissenschaftler, Öko-Bauern, Freiluftgärtner und Hobbyköche aus Boston, Bombay und Brighton bestaunen auf 6000 Quadratmetern die Pflanzen, den Bienenstock, die Kompostecken und die Obstvielfalt am Moritzplatz. Das Urban Farming in Kreuzberg, das Ackern also mitten in der Stadt, soll auch Wissenslücken füllen. Shaw erzählt von Schulklassen auf Gartenbesuch und davon, wie viele "Kinder sich darüber wundern, dass Karotten nicht im Supermarkt, sondern in der Erde wachsen".