Geschäftskontakte Warum ist die Visitenkarte noch nicht ausgestorben?

Besonders asiatischen Geschäftsleuten ist der richtige Umgang mit der Visitenkarte wichtig.

(Foto: whitetag/iStockphoto)

Sicher, es gibt E-Mails und soziale Netzwerke. Trotzdem gehört es zum guten Ton, die kleinen Kärtchen auszutauschen. Über einen Türöffner aus Papier.

Von Nadja Lissok

Ein kleiner analoger Widerstandskämpfer weigert sich seit Jahren erfolgreich, die digitale Arbeitswelt zu verlassen: die Visitenkarte. Trotz Skype, Twitter und Xing - Programme also, die das Vernetzen und Kommunizieren mit internationalen Geschäftspartnern so einfach wie noch nie machen, gibt es sie noch. Und wenn sich selbst Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die Mühe macht, seine Botschaft an die Geschäftswelt ("I'm CEO, Bitch") auf ein 85 x 55 Millimeter großes Papier zu drucken, muss die Karte eine Bedeutung haben. Aber welche?

Zur gesellschaftlichen Vernetzung wird die Visitenkarte in Europa schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts verwendet. Die Sprach- und Medienwissenschaftlerin Annett Holzheid beschreibt sie in ihrer Studie "Das Medium Postkarte" als zentrales Medium innerhalb der Besuchskultur. Man gab vor einem Anstandsbesuch erst einmal höflich-distanziert die so genannte Besucherkarte ab und ermöglichte dem Gastgeber so, sich auf das Treffen vorzubereiten oder kurzfristig eine mehrere Wochen andauernde Reise anzutreten.

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So ähnlich wird die Visitenkarte laut Business-Coach Horst Hanisch noch immer verwendet: "Treffe ich unterwegs einen neuen Geschäftskontakt, wird die Visitenkarte möglichst früh im Gespräch überreicht. So sieht mein Gesprächspartner sofort, wer ich bin und welche Position ich habe. Er kann mich so deutlich zuordnen." Aber hätte höfliches Nachfragen nicht den gleichen Effekt? "Nein, denn Nachfragen schränkt die Vertraulichkeit ein", so Hanisch. "Außerdem sieht mein Gegenüber direkt, wie mein Name geschrieben wird und kann ihn sich besser merken."

Der Wert des Fassbaren

Die Visitenkarte ist gewissermaßen der Türöffner, der erste Eindruck im Papierformat, bevor es zum Networking kommen kann. Entscheidend ist, dass die Karte als solche schon einen bestimmten Wert ausdrückt, denn haptische Gegenstände schätzt man instinktiv mehr. Außerdem ist der "Wohlfühlfaktor" beim Lesen auf Papier laut einer Studie der Uni Mainz höher als beim Lesen auf dem Bildschirm.

Einen besonderen Stellenwert hat die Visitenkarte im asiatischen Raum, speziell bei japanischen Geschäftsleuten. Wenn das Gegenüber die Karte nach Erhalt nicht eingehend betrachtet, fühlen sich viele Japaner gekränkt. Und in abgeschwächter Form lässt sich das sicher auch in der westlichen Geschäftswelt finden. Schließlich gibt der Kartengeber ein Stück Ego preis, das er gewürdigt sehen will. Der sadistische Börsenmakler Partrick Bateman im Thriller "American Psycho" begeht seinen ersten Mord, nachdem sein Kollege ihn mit einer schickeren Visitenkarte übertrumpft hat.