Führungsspitzen Ein Lächeln mit Schrecken

Ganz nach oben mit dem Passfoto-Gesicht: Wie viel Lächeln ist gesund für die Karriere? In Deutschland schaden nach unten gezogene Mundwinkel dem Aufstieg jedenfalls nicht.

Von Alexandra Borchardt

Es gibt einiges, was die Deutschen den Amerikanern wirklich übelnehmen. Da wären zum Beispiel der Vietnamkrieg, die Präsidentschaft von George W. Bush, die Deepwater-Horizon-Katastrophe und die Verbreitung von Klimaanlagen. Was die Bundesbürger am USA-Bewohner aber am meisten irritiert, ist dessen reflexhaftes Lächeln, ausgeprägt vor allem bei Angehörigen der Dienstleistungswirtschaft.

Rudi Völler macht es vor: Nach unten gezogene Mundwinkel schaden der Karriere in Deutschland nicht.

(Foto: ddp)

So mancher Amerika-Heimkehrer fühlt sich von diesem fröhlichen How can I help you? und Is everything okay? dermaßen verfolgt, dass er die Tage nach der Rückkehr unbedingt auf der Kfz-Zulassungsstelle, der Baubehörde oder auf Verkäufersuche im Elektronikmarkt verbringen muss, um wieder eine Dosis heimische Ignoranz zu tanken.

Entspricht doch das Idealgesicht des Deutschen eher jenem amtlich vorgeschriebenen für das Foto im elektronisch lesbaren Reisepass oder zumindest dem von Fußballbundestrainer Joachim Löw, wenn er Manuel Neuer bei einer Parade beobachtet.

Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass sich Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen kaum einen Vorwurf so oft anhören muss wie jenen, sie lächele immerzu. Hinter diesem freundlichen Gesicht müsse sich doch irgendetwas verbergen, argwöhnen die Kommentatoren. Schaut sie so zutraulich, als wolle sie Hartz IV nun doch um das Weißbier-Kontingent aufstocken, wird sie einem Minuten später vermutlich Nachhilfestunden in Gute-Laune-Kunde verordnen, fürchten sie. Ist sie nun die Mutter aller Arbeitslosen oder doch nur eine Art Knusperhexe, deren Häuschen von außen lecker aussieht, während es drinnen ordentlich ans Grillen geht? Man weiß es nicht. Schließlich hört der Spaß beim Fachgebiet Arbeit nach deutschem Verständnis generell auf. Nicht ohne Grund gibt es Worte wie den Arbeitssieg oder das Arbeitsessen, die implizieren, dass es sich hier um eine garantiert freudlose Angelegenheit gehandelt haben muss.

Weibliches Lächeln verwirrt

Gäbe es nicht Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, dem mittlerweile ein ähnliches Lächelprofil angehängt wird, könnte man vermuten, dass es speziell das weibliche Lächeln ist, was die Kritiker an von der Leyen so verwirrt. Nicole Krämer, Professorin für Sozialpsychologie an der Uni Duisburg, sieht Frauen in punkto Mimik tatsächlich im Nachteil: Lächele eine Frau, signalisiere sie Unterwürfigkeit. Lächele sie nicht, werte ihr Gegenüber sie ab, weil das vom normalen weiblichen Verhalten abweiche. Ein Mann hingegen könne mit einem Lächeln nur gewinnen. Wobei Krämer auch feststellt: "Führungskräfte lächeln prinzipiell weniger. Je höher der Status, desto weniger wird gelächelt."

Ob und wie viel Führungskräfte lächeln dürfen oder gar sollten, darüber gehen die Meinungen auseinander. Frauen wird häufig empfohlen, lieber nicht zu oft zu lächeln, wenn sie ernst genommen werden wollen, und da muss etwas dran sein: Schließlich kann man mit diesem Rezept in Deutschland sogar Bundeskanzlerin werden. Wobei es US-Präsident Barack Obama mit entsprechender Mimik wohl kaum ins Oval Office geschafft hätte. Aber dem sehen die Deutschen ja alles nach, sogar sein Lächeln.

Vermutlich müssen sich Manager allerdings auch hierzulande umstellen. Zumindest, wenn sie noch stärker vom Wirtschaftsboom in China profitieren wollen. Dort wird bei Verhandlungen viel gelächelt. Und oft geht es am Ende dann doch ins Hexenhaus.