Führung mal anders Wenn das Bauchgefühl den Boss ersetzt

Wenn die Gruppe alles selber regeln muss, sind Platzhirsche, strategische Schweiger und stille Verweigerer in Meetings fehl am Platz. (Symbolbild)

(Foto: Neil Hall/Reuters)

Kann das gutgehen? Zu Besuch bei einem Berliner Start-up, in dem sich die Mitarbeiter in allen Fragen einigen müssen.

Von Christine Prussky

Ein Loft im tiefsten Neukölln, dort wo der Berliner Stadtteil noch nicht angesagt ist. Notebooks, weite Arbeitsflächen, ein Kickertisch, eine Küche mit Müsli-Spender und Obstkiste. Was zum Klischee eines Start-ups gehört, die Büros von Blinkist bieten es. "Bei uns gibt es keinen Boss", heißt es auf der Webseite der Firma, die ihr Geld mit einer App verdient, die den Kern von Sachbüchern in wenige Absätze zusammengefasst präsentiert. "Bei uns macht jeder das, was er am besten kann", sagt Blinkist-Mitarbeiterin Anna-Lisa Menck. "So bekommen wir alle Dinge geregelt - ganz ohne Hierarchien, Jobtitel oder angespannte Meetings."

Kann das stimmen? Judith Neumer ist skeptisch. Vor fast zehn Jahren schon hat die Forscherin am Münchner Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in einer Studie die "alltägliche Last der Kooperation" beschrieben. Ihr Fazit steht bis heute: So unverzichtbar Vereinbarungen und Abstimmung im Kollegenkreis und über die einzelnen Abteilungen hinweg für den Unternehmenserfolg sind, als eigene Leistung wird die Kommunikation im Berufsalltag nicht anerkannt.

"Hierarchien sind unverzichtbar"

Aber sie müssten nicht formal fixiert sein, sagt Andreas Zeuch. Er berät Unternehmen, in denen die Mitarbeiter demokratisch entscheiden. Interview von Christine Prußky mehr ...

Je stärker sich Angehörige in einer Unternehmung selbst einbringen sollen, je höher ihre Partizipations- und Mitbestimmungsmöglichkeiten, desto höher sind die Kommunikationsleistungen. Das, sagt Neumer, muss unbedingt honoriert werden, "mit Geld oder Ressourcen".

Ein Extra-Honorar für Kommunikation, für Abstimmungen und Meetings? Anna-Lisa Menck steht im Neuköllner Büro-Loft und runzelt die Stirn. Bei Blinkist ist sie aktuell für viele Personalfragen zuständig. Sie sorgt dafür, dass neue Kollegen schnell zurechtkommen und sich selbst als Teil des Ganzen sehen. "Onboarding" heißt das hier. Wenn jemand von Zuschlägen für Kommunikationsleistungen profitieren würde, Menck wäre eine Kandidatin. Nur: Sie versteht die Frage gar nicht, so fremd ist ihr die Idee. Denn so viele Besprechungen es bei Blinkist auch gibt, um den Laden mit seinen knapp 70 Beschäftigten am Laufen zu halten - die Teilnahme ist freiwillig. "Niemand muss bei uns in Meetings", sagt Menck, "jeder kann für sich entscheiden, ob so etwa hilft oder eben nicht."

Besprechungen sollen nicht zur Bewährungsprobe entarten

Tatsächlich entscheiden sich viele doch fürs Meeting. Manche tagen zwei Mal in der Woche, manche vielleicht 15 Mal - so genau weiß das Menck nicht. Was sie aber weiß, ist: Teambesprechungen dürfen keinesfalls zur Belastung werden. Sie sollen Lösungen für Sachfragen bieten oder auch Spannungen und Konflikte im Team abfangen. Ob das gelingt, ist von außen schwer zu beurteilen. Doch es gibt eine Zahl, auf die sie bei Blinkist stolz sind: Gerade mal sechs Beschäftigte haben die Firma seit ihrer Gründung im Jahr 2012 verlassen. "Das ist total wenig für ein Start-up wie unseres", sagt Menck.

Vielleicht hat das wirklich etwas mit dem konsequenten Streben zu tun, Besprechungssituationen nicht als Bewährungsprobe oder gar als Forum zum Abkanzeln einzelner Beschäftigter zu instrumentalisieren, sondern als Gelegenheit für einen effektiven, kollegialen Austausch wertzuschätzen. Platzhirsche, Claqueure, strategische Schweiger und stille Verweigerer fänden in solchen Runden schwerer Platz.