Frauenquote in deutschen Unternehmen Es hilft nur Druck

Aufgerieben zwischen Beruf, Familie und Haushalt: Ohne verbindliche Vorgaben wird es in den deutschen Chefetagen keine Gleichberechtigung geben.

Von S. Haas und C. Pollmer

Es ist ein Armutszeugnis für die deutsche Wirtschaft: Fast neun Jahre ist es nun her, dass deren Spitzenverbände und die Bundesregierung vereinbart haben, die Karrierechancen von Frauen zu verbessern. Verändert hat sich seitdem wenig. Weniger als ein Prozent der Vorstände der hundert größten Unternehmen in Deutschland sind weiblich, zeigt die jüngste Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) von Ende Januar.

Immer das gleiche, erbärmliche Resultat

Bei den Top-50-Firmen gibt es sogar nur eine einzige Frau als Vorstand: Barbara Kux von Siemens. Das DIW untersucht die Besetzung von Führungsgremien seit vielen Jahren und kommt immer wieder zu dem gleichen, erbärmlichen Resultat: Unter den Entscheidern deutscher Firmen sind Frauen kaum zu finden.

Nun führt die Telekom als erstes deutsches börsennotiertes Großunternehmen eine Frauenquote ein. Bis Ende 2015 sollen 30 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt sein. Das klingt gut. Doch dahinter verbirgt sich auch das Eingeständnis, dass die bisherige Frauenförderung nicht geklappt hat. "Unsere jahrelangen Maßnahmen zur Frauenförderung waren redlich und gut gemeint, der durchschlagende Erfolg blieb wie in allen großen Unternehmen leider aus", erklärt Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger.

Klare Absage an Quoten

Der Personalchef geht noch weiter und befürwortet sogar verbindliche Regelungen. "Die Politik hat hier eine Scham, der Wirtschaft Direktiven zu geben. An dieser Stelle wäre eine Emanzipation der Politik wünschenswert", sagte er. Mit diesem Vorpreschen stößt er allerdings auf Widerstand. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) erteilte gesetzlich verordneten Quoten eine klare Absage. "Frauen brauchen keine gesetzlichen Quoten, sondern bessere Chancen zur Verwirklichung ihrer Berufskarriere", heißt es dort.

Auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) hält eine gesetzliche Quotenregelung für die Ultima Ratio. Dies sei "schon aus verfassungsrechtlichen Gründen sehr problematisch", sagte Schröder am Montag in Berlin.

Frauen als "stille Reserve"

Die Telekom reagiert mit der Frauenquote auch auf den demographischen Wandel. Wissenschaftler schätzen, dass sich der Fachkräftemangel in einigen Jahren verschärfen wird, weil der Anteil alter Menschen an der Gesamtbevölkerung steigen wird. Deshalb gelten gutausgebildete Frauen bei Arbeitsmarktforschern als "stille Reserve" auf dem Arbeitsmarkt. Schon heute werde deren Wissen oft verschenkt.

Telekom-Mann Sattelberger bezeichnete die Frauenquote als "eine kantige Antwort" auf diese Entwicklung am Arbeitsmarkt. So seien derzeit etwa 60 Prozent der Absolventen von wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen an deutschen Hochschulen Frauen. "Dennoch hindert eine gläserne Decke offensichtlich zu viele weibliche Talente an ihrem Weg nach oben. Mit der Frauenquote werden wir diese Decke durchbrechen", kündigte er an.

Zwei, drei Jobs auf einma

lDer Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) begrüßt den Vorstoß der Telekom. Er forderte aber auch, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Männer und Frauen verbessert werden müsse. DGB und Arbeitgeber ziehen in diesem Punkt an einem Strang. "Um die Chancen von Frauen zu verbessern, brauchen wir eine bessere Infrastruktur zur Kinderbetreuung, ein bewusstes und modernes Berufswahlverhalten und die richtigen Anreize im Steuer- und Sozialversicherungsrecht", so der BDA.

Familienministerin Schröder kritisierte die "strukturell familienfeindliche" Organisationskultur in den Führungsebenen der Unternehmen. Diese Kultur sei "geprägt von einer Leistungselite, die sich deshalb so kompromisslos ihrer Karriere widmen kann, weil sie die Zuständigkeit für Kinder und Küche aus ihrem Leben outgesourct hat", sagte Schröder. Während Männer zwei, drei Karrierestufen auf einmal nähmen, "machen Frauen zwei, drei Jobs auf einmal: Beruf, Kindererziehung und Haushalt".

"Quote ist nichts Anrüchiges mehr"

Das Sinus-Institut hat 511 Frauen und Männer in Führungspositionen zur Frauenförderung befragt. Danach befürwortet ein Drittel der Männer und mehr als die Hälfte der Frauen eine verpflichtende Frauenquote in Aufsichtsgremien. Die Präsidentin des Vereins "Frauen in die Aufsichtsräte", Monika Schulz-Strelow, unterstützt dies: "Quote ist heute nichts Anrüchiges mehr. Ich glaube, es hilft nur Druck." Die Studie des Sinus-Instituts legt einen ähnlichen Schluss nahe: 70 Prozent der befragten Führungskräfte glauben nicht, dass von allein mehr Frauen in Führungspositionen gelangen werden.