Feminismus Reinhängen hilft den Frauen nicht, wenn die Eltern dement werden

Karriere, bis es das Leben anders will: Anne-Marie Slaughter in ihrer Zeit als Planungschefin für US-Außenministerin Hillary Clinton.

(Foto: Polaris/laif)
  • Vor drei Jahren hat die Amerikanerin Anne-Marie Slaughter mit ihrem Aufsatz "Why women still can't have it all" für Aufsehen gesorgt.
  • Jetzt hat die Feministin ein Buch über Frauen, Männer und Karriere geschrieben.
  • Ihr wichtigstes Anliegen ist, dass sich das Wertesystem ändert und Fürsorge-Tätigkeiten stärker honoriert werden.
Von Alexandra Borchardt

Moment einmal, spricht hier nicht eine Amerikanerin? Eine Vertreterin jenes Landes also, dessen Grundphilosophie alles für denkbar, machbar und erreichbar hält, von der Marslandung über den sauberen Drohnenkrieg bis hin zum genetisch perfektionierten Menschen? Anne-Marie Slaughter ist Amerikanerin, und sie hat, drei Jahre nach ihrem millionenfach gelesenen und kommentierten Atlantic-Aufsatz "Why women still can't have it all" (Warum Frauen immer noch nicht alles auf einmal haben können), ein Buch über Arbeiten, Leben und Familie geschrieben, das tatsächlich recht unamerikanisch daherkommt. Damit eröffnet sie eine Debatte, die man sogar als Kapitalismuskritik interpretieren könnte.

Im Kern sagt Slaughter in "Unfinished Business - Women, Men, Work, Family" (Random House), dass all jene, die auf das "alles auf einmal haben" pochen, mal über ihre Werte nachdenken sollten. "Competition and care", Wettbewerb und Fürsorge, seien schon immer zentrale Pole und Treiber des menschlichen Miteinanders und Fortschritts gewesen. Dies bestätigten Anthropologen, Soziologen, Psychologen und Neurowissenschaftler. Es sei an der Zeit, der Fürsorge in diesem Wertesystem wieder mehr Raum zu geben.

Das heftigste Reinhängen hilft nichts, wenn es das Leben anders will

Slaughters Buch ist praktisch die Gegenrede zu Sheryl Sandbergs Bestseller "Lean In", den sich nach seinem Erscheinen 2013 viele ambitionierte Frauen zur Erbauung neben den Schreibtisch gelegt hatten. Die Facebook-Managerin hatte darin zwar die frauen- und familienfeindliche Kultur in der Unternehmenswelt angeprangert und damit vielen aus der Seele gesprochen. Aber sie hatte vor allem Frauen aufgefordert, daraus Konsequenzen zu ziehen: sich nicht unterkriegen lassen, dranbleiben und eben - reinhängen.

Buch von Facebook-Managerin Sandberg Ran an den Tisch!

Auch sie saß schon heulend im Büro. Facebook-Managerin Sheryl Sandberg hat es trotzdem weit gebracht - und kennt sich in politischen Machtzirkeln und in obersten Konzernetagen aus. In ihrem Buch erzählt sie nun, wie schwierig diese Karriere ist. Und wie es Frauen besser machen können.

Anne-Marie Slaughter hingegen argumentiert, dass das heftigste Reinhängen nichts hilft, wenn es das Leben anders will. Wenn das Kind behindert zur Welt kommt, die Eltern dement werden, der Teenager-Sohn - wie in Slaughters Fall - plötzlich von der Polizei aufgelesen wird. Deshalb hatte sie sich einst auch gegen eine weitere Karriere in Hillary Clintons Außenministerium entschieden und den berühmten Aufsatz verfasst.

Was für die einen wunderbar funktioniere, die Vereinbarkeit von Karriere und Beruf, müsse es für die anderen noch lange nicht, auch wenn sie ebenso wild entschlossen seien, argumentiert Slaughter. Die Tragik ist, dass Sheryl Sandberg das Fragile am Leben in diesem Jahr selbst besonders hart zu spüren bekommen hat, als ihr Mann, der Vater ihrer zwei Kinder, im Familienurlaub tödlich verunglückte.