Der Pädagoge Pius Thoma spricht über die Probleme behinderter Kinder im deutschen Schulsystem und erklärt, warum Lehrer umdenken müssen.
Pius Thoma war Sonderschullehrer und ist Akademischer Direktor am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik in Augsburg. Gemeinsam mit Cornelia Rehle ist er Herausgeber des Buches "Inklusive Schule".
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"Das Problem steckt in den Köpfen der Lehrer": Der Akademische Direktor am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik in Augsburg, Pius Thoma, fordert die Inklusion von behinderten Studenten. (© Foto: dpa)
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SZ: Das bayerische Kultusministerium rühmt sich, der UN-Konvention zur Inklusion zu entsprechen - zu Recht?
Pius Thoma: Bayern hat im Januar den Vorsitz der Kultusministerkonferenz übernommen und bemerkenswerterweise kurz davor seinen "Weg zur Integration durch Kooperation" umbenannt in "Weg zur Inklusion durch Kooperation".
SZ: Was ist der Unterschied zwischen Integration und Inklusion?
Thoma: Integration ist eher eine Anpassungspädagogik beziehungsweise eine Wiedereingliederung, Inklusion meint - im Sinne der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen - die bedingungslose Teilhabe aller am Bildungssystem einer Gesellschaft.
SZ: Und ist der deutsche Weg, etwa in Bayern, wirklich inklusiv?
Thoma: Es wird das Alte neu benannt. Daran ändern auch "Inklusionsklassen" nichts, die eingeführt werden. So etwas ist sogar ein Widerspruch in sich: Eine Klasse mit diesem Namen separiert. Angeblich handelt es sich um weiterentwickelte Kooperationsklassen. Mit diesem Begriff werden Regelschulklassen bezeichnet, in die zumeist vier bis fünf Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf aufgenommen werden.
SZ: Diese Klassen entsprechen nicht der Idee der Inklusion?
Thoma: Auf den ersten Blick schon. Das Ministerium betont, die Vorschrift der Lernzielgleichheit sei zugunsten einer Lernzieldifferenzierung abgeschafft: Ein behindertes Kind darf jetzt nach einem individuellen Lehrplan unterrichtet werden, vorausgesetzt, es könne am normalen Unterricht "aktiv teilnehmen". Wer aber kann ermessen, ob ein autistisches und körperbehindertes Mädchen, das durchaus lernfähig ist, aktiv teilnehmen kann? Außerdem: Noch immer können Eltern nicht frei entscheiden, welche Schulart sie für ihr Kind als die geeignetere erachten. Ich kenne Paare, die nach Österreich ausgewandert sind, weil dort der Elternwille respektiert wird.
SZ: Das Ministerium will die sogenannten Förderzentren erhalten. Die Kompetenz dieser Einrichtungen ist doch sicher nicht überflüssig, auch wenn sie nicht "inklusiv" sind?
Thoma: Das Problem steckt in Köpfen der Lehrer beider Seiten: Die Regelschullehrer haben gelernt, dass manche Kinder nur von Experten betreut werden können. Die Sonderpädagogen wiederum beanspruchen allein die diagnostische und pädagogisch-didaktische Kompetenz für sich - und genau dieses hohe berufliche Ethos steht ihnen im Weg.
SZ: Wie das?
Thoma: Förderlehrer werden bezogen auf Kategorien von Behinderungen ausgebildet. Dieses Kategorisieren aber ist nicht haltbar. Unter sogenannten Down-Kindern oder solchen mit Lernbehinderung gibt es genauso Heterogenität wie bei anderen.
SZ: Die Aufteilung der Förderschullandschaft nach Störungsbildern ist der falsche Weg?
Thoma: Der moderne Weg ist ein "ökosystemischer Ansatz", der diverse Zusammenhänge berücksichtigt und nicht ausschließlich das Kind unter seinen Handicaps betrachtet: Was zum Beispiel als Lernbehinderung erscheint, hat seine Ursache oft in der Familie oder in fehlender Unterstützung an der Schule.
SZ: Sie fordern ein grundlegendes Umdenken?
Thoma: Es geht um einen Paradigmenwechsel: Wir sollten uns von der Illusion der homogenen Lerngruppen verabschieden. Das Problem entsteht ja nur, weil man standardisierte Normen für Lerngruppen setzt und Kinder daran misst, anstatt von der Unterschiedlichkeit der Schüler auszugehen - aller Schüler.
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(SZ vom 29.03.2010/holz)
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Eine kleine Anmerkung zur Begrifflichkeit, die der Pädagoge Herr Thoma verwendet hat: Korrekt wäre von Kindern mit Down-Syndrom zu sprechen. Immerhin ist jeder als erstes Mensch und jegliche sogenannte Behinderung nur ein Teil von ihm. Oder ist Herrn Thoma doch das in Deutschland so typische Schubladendenken unterlaufen ;-)?
Ich bin jedefalls sehr froh, dass ich mit meinem Sohn in Italien lebe, wo nicht nur Kinder mit Down-Syndrom in jede staatliche Regelschule aufgenommen werden und das bereits seit 30 Jahren....In Spanien hat sogar ein junger Mann mit Down-Syndrom erfolgreich ein Universitätsstudium abgeschlossen. Dies sollte mal zum Nachdenken und hoffentlich (endlich!) entsprechendem Handeln führen ;-).
Viele Grüsse aus dem sonnigen Süden!
Meinen Zivildienst habe ich in einer Sonderschule für schwermehrfachbehinderte Kinder geleistet.
Das, was die Kinder dort benötigen, auch im Jugendalter noch in dem viele nicht Behinderte schon erwachsene Verantwortung übernehmen, ist von einer Regelschule gar nicht zu leisten.
Die Routine, die für diese Kinder fundamental wichtig ist - auch in dem Maß in dem sie dort herrscht, war für mich als Zivi schon nach ein paar Tagen ermüdend, nach ein paar Wochen frustrierend.
Im Kindergarten würde das noch gut funktionieren, aber in der 9. Klasse ist es einfach nicht möglich, wie wir auf dem Gymnasium mit Differentialrechnung zu arbeiten und eine vierte Fremdsprache zu lernen, wenn im selben Raum gerade jemand unartikuliert schreit - und das ist in einer solchen Schule normal!
Unterscheiden muss man hier aber auch körperliche und geistige Behinderungen. Meine Schwester ist rein körperbehindert und konnte in eine Regelschule integriert werden. Diesen Begriff finde ich passend, da Maßnahmen nötig waren, um ihr individuelles Handicap so auszugleichen, dass sie dort den Unterricht aktiv mit gestalten konnte. Das ist ein aktiver Prozess von beiden Seiten und der muss auf jeden behinderten Schüler abgestimmt werden.
Es gibt aber auch Behinderungen, speziell geistiger Art, die eine solche Integration unmöglich machen, da sie völlig andere Lernziele erfordern.
Viele geistig Behinderte sind durchaus in der Lage, mit der entsprechenden Pädagogik hinterher völlig selbständig zu leben und einen Beruf auszuüben. Das erfordert aber ganz andere Lehrkräfte als die einer Regelschule.
Ich freue mich jedes mal wieder, wenn ich solche weltfremden Artikel lesen darf von Leuten mit angeblichem Praxisbezug. Und ich bin sehr gespannt, wann die SZ diesen Kommentar, wie viele andere von mir löschen wird.
Zum Thema:
Ja, es gibt heute nur noch sehr wenige Gründe ein Kind, das schwerhörig, blind oder im Rollstuhl sitzt von einer normalen Schule auszuschließen.
Wunderschön ist die Formulierung "aktiv" am Unterricht teilnehmen können. Ein Lernerfolg muss also nicht erzielt werden können? Leider multiplizieren sich die Lücken des Wissens, je höher die Klasse ist. D.h. in den unteren Klassen kann ein behinderter (z.B. Lernbehinderter) noch integriert werden, je höher die Klasse wird desto schwieriger wird das.
Und dann wird oft die Sicht der Kinder vergessen. Nichts kann so grausam sein wie der Umgang der Kinder untereinander. Die Behinderten wissen, dass sie anders sind und fühlen sich oft (nicht immer) untereinander am wohlsten, weil sie wissen, dass der andere sie versteht. Gehen sie selbst einmal in eine Einrichtung für geistig Behinderte!!!
Und in den normalen Klassen, die viele Behinderte aufnehmen beginnt dann die Diktatur der Behinderung bei jeder ausserunterrichtlichen Aktivität! Skilager? Wandertag? alles nicht mehr den wünschen der Mehrheit er "normalen" Kinder entsprechend durchführbar. Bei jeder Aktion muss Rücksicht genommen werden. Benachteiligt werden die normalen Kinder.
Zudem möchte ich die Kultusbehörde sehen, die es schafft wie in den Inklusionsplänen vorgesehen, jedem dieser Schüler eine ZUSÄTZLICHE Betreuung zu stellen.
Wir integrieren bereits Schwerhörige. Jeder darf theoretisch wie 4 Schüler gewertet werden. Damit würde sich die Klassenstärke verringern. Haha!!! nicht ein Schüler weniger ist in diesen Klassen, weil es organisatorisch mit diesen Ausstattungen gar nicht geht! In Klassengrößen jenseits der 30 gehen schon genug Schüler unter. Hoffentlich in zukunft nicht auch noch die Behinderten!!!
Kindern das funktionieren, was schon mit sogenannten normalen Kindern nicht funktioniert. Jeder Schüler, der nicht ins Raster passt, unter anderem auch Schüler mit Hoch- oder Minderbegabung, bekommt massive Probleme im derzeitigen Schulsystem.
Grüße vom Kauz01