Trendsport Yoga und seine Risiken "Irreführendes Gefühl der Biegsamkeit"

Zumal niemand ernsthaft den gesundheitsfördernden Nutzen der indischen Lehre bestreitet. Schmerzen in Rücken, Kopf und Gelenken können sich bessern, ebenso die chronische Erschöpfung von MS- und Krebspatienten. Die angestrebte Entspannung lässt den Blutdruck sinken, und wer keine Beschwerden hat, profitiert im Idealfall von gesteigertem Wohlgefühl, innerer Ruhe und kann sich besser konzentrieren. "Yoga hat eine Reihe positiver Effekte", sagt der Ulmer Sportmediziner Steinacker. "Aber sie alle können sich umkehren."

Die Gefahr dafür ist besonders hoch, wenn schlecht ausgebildete Lehrer auf übereifrige Schüler treffen. Oder wenn das steigende Interesse an Yoga zu immer neuen Varianten führt, die nur noch wenig mit spiritueller Ertüchtigung und viel mit körperlichem Auspowern zu tun haben. "Manche dieser Entwicklungen sehe ich mit Argwohn", sagt der Kölner Sportwissenschaftler Froböse. "Es gibt keine wissenschaftlichen Belege, dass sie mehr Nutzen bringen." Dafür aber vielleicht mehr Schaden, wenn sich die Yogis zum Beispiel in einem bis zu 40 Grad heißen Raum abmühen wie beim derzeit angesagten Bikram- oder "Hot Yoga". Das ist nicht nur eine Strapaze, sondern auch gefährlich, denn der Schweiß kann in einem derart heißen Raum nicht verdunsten und die Haut kühlen.

Das Herumturnen in aufgeheizten Räumen mache Muskeln und Sehnen geschmeidig, und durch das Schwitzen entgifte der Körper - so wird häufig für Bikram-Yoga geworben. Soll man also ein bisschen Hitze in Kauf nehmen, um sich langfristig etwas Gutes zu tun? Nein, sagt auch die Yogalehrerin Beßler: "Aus meiner Sicht ist von dieser Yogaform abzuraten." Dass der Körper sich mittels Schwitzen entgiftet und eine solche Reinigung überhaupt nötig hat, gehört in das ausufernde Reich medizinischer Mythen. Für Menschen mit Herz-Kreislauf- und anderen Beschwerden können 40 Grad heiße Räume sogar ohne sportliche Betätigung riskant sein.

Und auch wer keine Vorerkrankungen hat, strapaziert Sehnen und Bänder leicht zu stark, weil "die Hitze ein irreführendes Gefühl der Biegsamkeit vermittelt", wie die Physiotherapeutin und Yogalehrerin Diana Zotos vom Rehabilitation Department der Klinik für Spezielle Chirurgie in New York warnt.

Was einfach aussieht, verlangt nach sorgfältiger Anleitung

Doch auch bei gemäßigten Temperaturen können Yogastunden mit Schmerzen enden, und das liegt nicht zuletzt an schlechtem Unterricht. Im Vierfüßerstand den Hintern in die Höhe zu recken, sieht zwar einfach aus, verlangt aber nach sorgfältiger Anleitung. Yoga eignet sich für jeden - das stimmt. Doch viele Schüler brauchen speziell auf sie zugeschnittene Tipps. "Wer schon Beschwerden hat, sollte seinen Arzt fragen", rät Beßler. "Ein gut ausgebildeter Lehrer kann die Übungen anpassen."

Wie aber soll das funktionieren, wenn ein Kurs 20 oder mehr Teilnehmer hat? "Aus der Neurophysiologie wissen wir, dass ein Lehrer maximal zehn oder zwölf Schüler beobachten kann", sagt Froböse. Hinzu kommt, dass sich auch Yogalehrer nennen kann, wer kaum etwas über die menschliche Anatomie und Physiologie weiß. Solche Kenntnisse sind aber notwendig, um einzuschätzen, welche Einheiten sich für einen Schüler eignen.

Schlecht ausgebildete Yogalehrer können auch deshalb viel Schaden anrichten, weil ihre Schüler sich oft selbst überschätzen. Menschen, die jahrelang auf Bürostühlen und in Autositzen kauerten, müssen erst einmal die richtige Atemtechnik lernen, ehe sie sich an komplizierte Verrenkungen wagen. Doch das geht vielen zu langsam. "Menschen starten oft von null auf 100, wenn sie sich erst einmal entschieden haben, aktiv zu sein", sagt Froböse. "Dabei ist ein Training viel effizienter, solange man sich leicht unterfordert fühlt."

Wer aber will in einem Kurs schon derjenige sein, der nicht einmal mit den Fingerspitzen bis zum Boden kommt, während die Nachbarn scheinbar mühelos auf ihren Bauchmuskeln schaukeln und dabei mit Armen und Beinen über dem Rücken ineinandergreifen? "Vor allem sehr sportliche Menschen sowie Anfänger neigen dazu, sich zu überfordern", sagt Beßler. Ähnlich empfindet es Physiotherapeutin Pohl: "Viele Yoga-Schüler sind zu ehrgeizig und haben ein geringes Körperbewusstsein." Wo ihre Leistungsgrenze liegt, können sie oft nicht beurteilen.

Schmerzen sind zwar ein hilfreiches Warnsignal, treten meist aber erst auf, wenn man bereits zu weit gegangen ist. "Es geht nicht um das Motto ,je extremer, desto besser'", sagt Beßler. Anstreben sollte ein Yogi stattdessen innere Ruhe und Entspannung - und das kann mühsamer zu lernen sein als Kobra, Krähe und Kopfstand.