Transplantations-Skandal an Uni-Klinikum "Es ist sicher, dass das nicht eine Person allein war"

Fachleute halten es für ausgeschlossen, dass an den Machenschaften nur ein Arzt beteiligt war. "Es ist sicher, dass das nicht eine Person allein war", sagt der Strafrechtler Lilie. Für ein Netzwerk spricht auch, dass ein Mitglied des Krankenhauspersonals die Unregelmäßigkeiten bei den Aufsichtsgremien angezeigt hat. In Göttingen soll auch Geld von Patienten direkt an Ärzte geflossen sein. Das legen nach SZ-Informationen erste Untersuchungsergebnisse nahe. In einem Fall hat demnach die Prüfungskommission Anzeige wegen des Verdachts auf Organhandel erstattet. Mitunter sollen sogar Patienten betrunken in den Operationssaal gefahren worden sein.

Das Universitätsklinikum unterstütze die Aufklärung nach Kräften, betont Martin Siess, der Vorstand Krankenversorgung des Klinikums in Göttingen. Das Klinikum habe "inzwischen einen neuen Leiter der Transplantationschirurgie." "Ich bin sicher, dass die Indikation zur Transplantation bei den Patienten, die heute auf die Warteliste kommen, nach allen Regeln der Kunst gestellt wird", sagt Siess.

Auch Eurotransplant hat Konsequenzen aus dem Fall gezogen. Künftig muss jeder Internist, der einem Patienten Dialysepflicht bescheinigt, bei der Meldung für die Warteliste namentlich genannt werden. Zudem will sich Hans Lilie dafür stark machen, dass die Bundesärztekammer ihre Richtlinien verschärft. Dabei werde auch an ein Vier-Augen-Prinzip gedacht.

Gegen diese Richtlinien hat der jetzt angeklagte Oberarzt bereits früher verstoßen. Im Jahr 2005, da arbeitete er noch an einem bayerischen Universitätsklinikum, hatte er eine Eurotransplant-Leber mit nach Jordanien genommen, um sie dort zu transplantieren. Gegenüber Eurotransplant hatte er behauptet, die Patientin liege in Regensburg. Als Wohnort gab er die Adresse des Klinikums an.

Geschadet hat ihm das nicht. Die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen ein, die Ärztekammer sah von einem Entzug der Approbation ab, die bayerischen Ministerien verließen sich auf ein Versprechen des Klinikums, so etwas werde nicht wieder vorkommen. Der Arzt machte danach sogar den Karrieresprung nach Göttingen.

Der aktuelle Fall schlage dem Fass den Boden aus, sagte ein Leberchirurg während der geheimen Tagung der DTG. "Ich bin wie alle Kollegen tief darüber betroffen, wie hier - sollten sich die Ermittlungen bestätigen - gegen die ärztliche Ethik verstoßen wurde", sagt auch der Bochumer Chirurg Richard Viebahn, Vorsitzender der Ethikkommission der DTG.