Transplantations-Skandal an Uni-Klinikum Leberkranken eine Nierenschwäche angedichtet

Die Tricks, die in Göttingen angewendet wurden, wirken erschreckend simpel: Der verantwortliche Arzt machte Patienten auf dem Papier kränker, als sie waren. Damit rückten sie auf der Warteliste nach oben und bekamen von der internationalen Vermittlungsstelle Eurotransplant, in der Deutschland und sieben weitere europäische Länder zusammengeschlossen sind, bevorzugt ein Spenderorgan zugeteilt.

Länger als nötig mussten jene Patienten warten, die eigentlich an der Reihe gewesen wären. Ob sie noch rechtzeitig ein Organ erhalten haben oder manche der Benachteiligten infolge eines ausgebliebenen Spenderorgans sogar gestorben sind, sei Gegenstand weiterer Ermittlungen, sagt Lilie auf Anfrage. Das sei allerdings schwierig nachzuweisen, ergänzt Axel Rahmel, Medizinischer Direktor von Eurotransplant. Letztlich lasse sich kaum sagen, ob ein Patient, der auf der Warteliste stirbt, noch rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten hätte. Schwer überschaubar werde die Angelegenheit auch, weil sich die Verzögerung der Organspenden innerhalb der Liste fortsetzt. "Womöglich hat das längere Warten die Patienten eins bis 14 nicht beeinträchtigt, wohl aber Patient 15."

Der Göttinger Oberarzt soll Patientenakten auf mehreren Wegen manipuliert haben: Zu den beliebtesten Methoden gehörte es, Leberkranken auch noch Nierenprobleme anzudichten, weshalb diese auf Dialysen angewiesen seien. Gefälscht wurden aber auch Laborwerte wie die Blutgerinnungsneigung und der Kreatininwert, welcher ebenfalls ein Indikator für den Zustand der Nieren ist. Weil Leber und Niere beide für die Entgiftung des Körpers verantwortlich sind, ergeht es Leberkranken noch schlechter, wenn auch noch die Nieren versagen. Dumm nur, dass mitunter vergessen wurde, mit dem Kreatininwert auch den Harnstoffwert anzuheben. Beide Werte sind physiologisch gekoppelt. Oft stiegen die Kreatininwerte vor der Meldung des Patienten an die Warteliste radikal an, fielen aber schon am nächsten Tag wieder ab, wie eine retrospektive Durchsicht der Akten ergeben hat.

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen den Oberarzt, unter anderem wegen Bestechlichkeit. Es wurden Wohnungen durchsucht und Unterlagen beschlagnahmt. Der Justiz zufolge ist noch offen, ob absichtlich Daten gefälscht wurden und illegal Geld geflossen ist. Dies sei Gegenstand der Ermittlungen, sagte Staatsanwältin Serena Stamer. Was den mutmaßlichen Haupttäter getrieben hat, ist noch unklar. Er selbst hat sich bislang nicht öffentlich geäußert und war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Am Universitätsklinikum ist unbekannt, wo er sich aufhält. Gewiss aber ist: Lebertransplantationen sind finanziell lukrativ.

Rund 150.000 Euro bekommt eine Klinik für jeden Eingriff. Das hat vor allem historische Gründe. Immer noch haftet der Transplantationsmedizin das glorreiche Image an, sterbende Patienten geradezu dem Totengräber von der Schippe zu reißen. Zum anderen waren die Eingriffe einst tatsächlich teuer; bei Lebertransplantationen waren zahlreiche Blutkonserven nötig. Heute fördern kaufmännische Direktoren die lukrativen Transplantationsabteilungen, leitende Ärzte werden mit Anteilen gelockt. In Göttingen waren in den vergangenen Jahren kaum Lebern transplantiert worden - bis der nun verdächtige Oberarzt die Abteilung für Transplantationsmedizin übernahm. Binnen kürzester Zeit erhöhte er die Rate der Transplantationen auf rund 50 im Jahr, was im deutschlandweiten Vergleich viel ist. Die größten Zentren transplantieren gut 100 Lebern jährlich.