Übergewicht Dünnsein ist eine Veranlagung, keine Leistung

Andere Menschen, wie Person B, gewöhnen sich an Stress. Als Schauspieler sind sie spätestens nach der zehnten Aufführung gelassen, ihre Cortisolspiegel steigen kaum noch. Um den Energiebedarf des Gehirns zu decken, essen sie aber mehr - und werden dick. Wegen der niedrigen Cortisolspiegel ist ihr Todesrisiko dabei nicht erhöht. "Dicksein ist unter Stress also ein klarer Überlebensvorteil", sagt Peters. Solange man in einem Land lebt, in dem es genug Nahrung gibt, scheint Essen die gesündere Form der Stressbewältigung zu sein.

Inzwischen haben Peters und McEwen ihre Theorie auch praktisch untermauert (Frontiers in Neuroenergetics, Bd. 4, S. 4, 2012). Sie luden 20 normalgewichtige und 20 übergewichtige Studenten (mit einem BMI über 30) ein und setzten sie unter Druck: Die jungen Leute mussten ein Vorstellungsgespräch hinter sich bringen und nebenher auch noch Rechenaufgaben lösen. Dabei fanden sich bei den Schlanken stark erhöhte Cortisolwerte im Blut. Die Dicken regte der Stresstest dagegen nicht messbar auf, die Cortisolwerte blieben niedriger: "Von Stress und Angst war da kaum eine Spur", sagt Achim Peters. "Durch Diät vergrößert man das Problem nur, da das Hungern ein zusätzlicher Stressfaktor ist, der das Cortisol erhöht", sagt er. Dem pflichtet auch der Stoffwechselexperte Peter Nawroth von der Universität Heidelberg bei: "Es gibt keine Untersuchung, die gezeigt hat, dass Abnehmen hilft", sagt er. Derzeit herrsche eine "zum Teil unnötige Übergewichtsphobie".

Die einzige Möglichkeit zum Abnehmen sei Peters zufolge, seinen Stresslevel zu senken. Zum Stress trägt aber auch die negative Sicht auf Dicke bei. Wie groß die ist, hat soeben eine Studie der Universität Göttingen untermauert, für die TNS Infratest 1001 Menschen befragt hat. Demnach blickt fast jeder vierte Deutsche auf Menschen mit Übergewicht herab. Frauen stigmatisieren die Dicken stärker als Männer, Ältere mehr als Jüngere und Westdeutsche erheblich mehr als Ostdeutsche. 14 Prozent der Bevölkerung würden, wenn sie Personalentscheidungen zu treffen hätten, keine Übergewichtigen einstellen, sagt Studienleiter Thomas Ellrott, vom Institut für Ernährungspsychologie: "Die Stigmatisierung hilft übergewichtigen Menschen ohnehin nicht; sie verschlimmert das Problem nur."

Auch Achim Peters tritt gegen die negative Sicht auf zu viele Pfunde ein. "Auf die Frage nach den Ursachen von Adipositas erhält man meist die Antwort: Willensschwäche, Maßlosigkeit, ungezügelte Lust und Faulheit", sagt er. Dabei zeigten neuere Daten, dass Jugendliche und Erwachsene mit hohem Körpergewicht deutlich mehr kognitive Kontrolle über ihr Essverhalten ausüben als alle anderen Menschen.

Dünnsein ist demnach eine Veranlagung, aber keine Leistung. So ist das Zunehmen für Dünne genauso schwierig wie das Abnehmen für Dicke. Das hat schon das Vermont-State-Prison-Experiment aus dem Jahr 1967 eindrucksvoll gezeigt: Den Gefangenen des US-Staatsgefängnisses wurde damals eine Haftverkürzung versprochen, wenn sie ein Viertel ihres Körpergewichts zulegten. Doch von den 28 Freiwilligen erreichten nur wenige das Ziel, obwohl sie aßen und aßen.

Wer schlecht schläft, Geldsorgen hat oder ständig unter Druck steht, der sollte sich demnach nicht auch noch von ein paar Kilo zu viel ärgern lassen und sich mangelnde Disziplin vorwerfen. Den dünnen Gestressten jedenfalls scheint es erheblich schlechter zu ergehen. "Ich frage mich selbst immer wieder: Bin ich dünn und entspannt oder dünn und unter Last", erzählt Peters. "Falls Letzteres zutrifft, bin ich am schlechtesten von allen dran."