Mythos des Monats Frühstück - gesund oder gefährlich?

Marmeladetoast und Kaffee - für viele ein morgendliches Ritual

(Foto: katikatta / photocase.de)

Wer schon am Morgen isst, schadet seinem Körper, warnt ein britischer Wissenschaftler. Aber stimmt das?

Von Felix Hütten

Achtung, gefährlich: Frühstück! Wer schon am Morgen isst, schadet seinem Körper gleich viermal, schreibt der britische Autor Terence Kealey in seinem neuen Buch "Breakfast is a Dangerous Meal", Frühstück ist eine gefährliche Mahlzeit. Problem Nummer eins: Frühstück erhöhe die Kalorienzahl, ergo: Wer morgens schon futtert, wird früher fett.

Problem Nummer zwei: Frühstück verursache im Laufe des Tages Hungerattacken. Die wiederum, Problem Nummer drei, lösten auf lange Sicht ein sogenanntes Metabolische Syndrom aus - ein Mix aus Bluthochdruck, erhöhten Blutfetten und Übergewicht. Dies rühre vor allem daher, dass, Problem Nummer vier, das Frühstück in der Regel süß und fettig ist. Das Frühstück sei also die wichtigste Mahlzeit am Tag - aber nur dann, wenn man sie auslässt.

Zuckerbomben treiben den Blutzucker in die Höhe

Jetzt ist es nun mal so, dass Ernährungstipps immer mit Vorsicht zu genießen sind, denn jeder Mensch is(s)t anders. Der Frühstückskritiker Terence Kealey zum Beispiel ist Brite und Diabetiker. Man muss kein Stoffwechselexperte sein, um zu ahnen: Bei Menschen mit einer Zuckerkrankheit sind die Dinge anders gelagert als bei gesunden Menschen. Typ-2-Diabetiker müssen in der Tat stark auf ihre Ernährung achten, betroffen sind in der Regel ältere Menschen, oft übergewichtig, oft vorbelastet durch Bluthochdruck und Herzleiden.

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Das Problem von Diabetikern: Zuckerhaltige Speisen und Getränke lassen den Blutzucker schnell in die Höhe schießen, weil der Körper Probleme hat, den Zucker zu verarbeiten. Das ist auf Dauer gefährlich, Diabetiker, die über lange Zeit hinweg unter hohen Blutzuckerwerten leiden, riskieren taube Zehen oder einen Schlaganfall. Anders bei gesunden Menschen: Zwar treiben Zuckerbomben auch bei ihnen den Blutzucker in die Höhe, doch der Körper schüttet ausreichend Insulin aus und verarbeitet diese Energie.

Und jetzt zum Frühstück: Der Mensch braucht Nahrung zum Leben. Wann er diese Nahrung zu sich nimmt, ist dem Körper erst einmal egal, Hauptsache, er bekommt sie. Ein kurzzeitiger Nahrungsmangel ist für den Menschen allerdings kein Problem, man denke an unsere Vorfahren, die keinen Aldi um die Ecke hatten, sondern im Wald Tiere erlegen mussten. Sie überlebten, auch wenn der Hirsch sich mal einen Tag nicht blicken ließ. Der Körper verfügt über effiziente Energiespeicher, die ihn über Tage ernähren können: Körperfett, auch als Hüftspeck bekannt.

Hunger, Hunger, Hunger - obwohl das Frühstück noch gar nicht lange her ist

Und hier liegt der Knackpunkt: Der Körper speichert überschüssige Nahrung für schlechte Zeiten - ohne zu wissen, ob er sie jemals braucht. Terence Kealey hat also recht mit seiner Diagnose: Wer morgens in rauen Mengen Nutella, Cornflakes und Marmelade futtert, nimmt (zu) viele Kalorien zu sich. Gut möglich also, dass man mit einem solch üppigen Frühstück (ganz modern: Brunch) bereits seinen persönlichen Tagesbedarf erreicht hat. Das Mittag- und Abendessen also bräuchte der Körper nicht mehr - und speichert es im Fettdepot.

Noch ein zweiter Effekt macht sich bei stark zuckerhaltigem Frühstück bemerkbar: Manche Menschen haben nach einem üppigen Frühstück schnell wieder Hunger. Erklärt wird dieses Phänomen mit einem schnell ansteigenden Blutzuckerspiegel. Der Körper schüttet dann hohe Mengen an Insulin aus, das dem Körper hilft, Zucker im Gewebe aufzunehmen. Infolge dessen sinkt der Glukosespiegel im Blut wieder, in dem Fall für eine kurze Zeit möglicherweise sogar zu weit. Der Körper signalisiert dann: Hunger, Hunger, Hunger - obwohl das Frühstück noch gar nicht lange her ist.

Auch wenn dieser Effekt nicht zweifelsfrei belegt ist, raten Ernährungsexperten wie Andreas Pfeiffer von der Charité Berlin, solche Zuckerspitzen zu vermeiden und besser ballaststoffreiche Kohlenhydrate wie beispielsweise Vollkornprodukte zu essen. Andernfalls führt das eigentlich überflüssige Hungersignal zum Gang zum Bäcker. Und so ein Zwischensnack macht auf Dauer dick.

Also: Ist das Frühstück tatsächlich eine gefährliche Mahlzeit, wie Kealey schreibt? Widerspruch kommt aus der Forschung. Stark zuckerhaltige Ernährung ist gefährlich, nicht ein Frühstück an sich, sagt Pfeiffer. Im Gegenteil: Verschiedene Studien liefern Hinweise, dass ein Frühstück bei Diabetikern wie Gesunden sogar positive Effekte auf Zuckerstoffwechsel und Blutdruck hat. In einer weiteren Studie, veröffentlicht im Fachmagazin Pediatric Obesity, konnten Forscher der Universität Yale zeigen, dass Kinder, die zwei Jahre lang morgens sogar zweimal frühstückten, weniger Pfunde zulegten als Mitschüler, die das Frühstück ausließen.

Pfeiffer und seine Kollegen haben zudem in einer noch unveröffentlichten Studie untersucht, warum der Stoffwechsel eines gesunden Erwachsenen morgens etwa doppelt so schnell arbeitet wie abends. Ihre Daten zeigen, dass der Körper dank bestimmter Genregulationen Nahrung am Morgen deutlich besser verarbeiten kann - ein gutes Argument für das Frühstück. Ob man deshalb aber mit Morgenmahl gesünder lebt als ohne, beweist die Studie nicht unbedingt. Denn letztlich, sagt Pfeiffer, spiele die Uhrzeit eine geringere Rolle als die Kalorienmenge. Wichtig sei daher: Lieber Obst als Nutella, lieber Haferflocken als Aufbackbrötchen. Das gilt allerdings auch für den Rest des Tages.

In der Serie "Mythos des Monats" beleuchtet die Wissensredaktion der SZ, was hinter erstaunlichen Meldungen aus Medizin, Biologie und Forschung steckt. Alle Folgen finden Sie hier.

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