Medizin In welchem Alter helfen Ärzte ihren Patienten am meisten?

Ärzte welchen Alters machen die wenigsten Fehler? Einen groben Fehler, eine vergessene Schere, zeigt dieses Röntgenbild.

(Foto: dpa)

Eine Studie zeigt, dass die Sterblichkeit der Patienten steigt, je älter die Mediziner sind. Dabei haben sie die meiste Erfahrung. Liegt es am Altersstarrsinn?

Von Werner Bartens

Dieser junge Kerl soll der Arzt sein? Manchmal sehen sich Patienten im Krankenhaus mit Medizinern konfrontiert, bei denen sich die Frage stellt, ob die Menschen im weißen Kittel schon die Schule abgeschlossen haben. Andererseits will kein Kranker von einem Doktor behandelt werden, der aussieht, als habe er noch bei Altmeister Sauerbruch gelernt.

Nun ist weder Jugend ein Vergehen noch Alter ein Verdienst. Patienten haben trotzdem gewisse Erwartungen, wenn es um Alter und Erfahrung ihrer Ärzte geht. Im Fachmagazin British Medical Journal haben Wissenschaftler aus Harvard untersucht, in welchem Alter Ärzte ihre beste Leistung erbringen und die wenigsten Fehler machen. Das Team um Yusuke Tsugawa wertete die Daten von mehr als 730 000 älteren Patienten aus, die in den Jahren 2011 bis 2014 mit akuten Beschwerden ins Krankenhaus aufgenommen wurden.

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Die Symptome bezogen sich auf fast alle medizinischen Disziplinen. Als Maßstab für die Qualität der behandelnden Doktoren galt, wie viele Patienten in den 30 Tagen nach der Einweisung starben - sowie die Quote derer, die nach der Entlassung erneut aufgenommen werden mussten.

Die Patienten waren älter als 65 und hatten akute Probleme, weshalb die Sterblichkeit insgesamt höher war als normalerweise im Krankenhaus. Am besten schnitten die jüngeren Ärzte im Alter von weniger als 40 Jahren ab. Von den von ihnen behandelten Patienten starben im nachfolgenden Monat 10,8 Prozent. Unter Medizinern zwischen 40 und 50 betrug die Quote 11,1 Prozent, während sie bei den 50- bis 60-jährigen auf 11,3 Prozent anstieg. Ärzte, die älter als 60 Jahre waren, führten zu einer Sterblichkeit der Patienten von 12,1 Prozent, wobei sich der Anteil der Todesfälle deutlich steigerte, wenn die Doktoren auf die 70 zugingen.

"Innerhalb desselben Krankenhauses starben mehr Patienten, wenn sie von älteren Ärzten behandelt wurden", sagt Yusuke Tsugawa. Eine Ausnahme bildeten jene Doktoren, die besonders viele Patienten betreuten, ihre Ergebnisse wurden auch im Alter nicht schlechter. Die anderen Ärzte betreffend vermuten die Autoren, dass mit zunehmendem Alter Bereitschaft und Fähigkeit nachlassen, sich fortzubilden und gemäß neuesten Leitlinien vorzugehen.

Wer sagt dem Chefarzt, der in die Jahre kommt, dass er besser nicht mehr zum Skalpell greift?

"Manche Ärzte halten es für ein Zeichen von Erfahrung, wenn sie ihren alten Stiefel immer weitermachen", sagt Hartwig Bauer. Der 74-Jährige war lange Chefarzt in Altötting und bis 2012 Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. "Sie sollten sich von veralteten Methoden verabschieden, haben aber auch mit 70 noch das Gefühl, ihre goldenen Hände den Patienten nicht vorenthalten zu können."

Um das beste Alter für Ärzte zu ergründen, kommt es sehr darauf an, welche Art Medizin nötig ist. Um rare Spezialfälle optimal behandeln zu können, ist es womöglich von Vorteil, jünger und mit dem neuesten Stand der Wissenschaft vertraut zu sein. Hausärzte sind vermutlich besser, wenn sie schon ein Dutzend oder mehr Jahre in der Praxis in Menschenkenntnis und durch Krankengeschichten geschult wurden. Und für Chirurgen gibt es Erfahrungswerte, die belegen, mit wie viel Übung das operative Handwerk ausgereift ist.

Doch spannend wird es bei den Details. Im vergangenen Jahr zeigte eine Untersuchung im Journal of Clinical Oncology, dass die Lernkurve relativ früh abflacht: Wenn Chirurgen eine krebsbedingte Entfernung der Speiseröhre 15-mal vornehmen, verringert sich die Sterblichkeit der Patienten im folgenden Monat zwar von 7,9 auf 3,1 Prozent. Auch mit weiterer Erfahrung wird die Quote kaum besser. Betrachtet man jedoch, wie viele Patienten nach fünf Jahren noch lebten, weil befallene Lymphknoten sorgfältig mitentfernt wurden, erzielten jene Chirurgen die besten Ergebnisse, die schon 35- bis 59-mal die Speiseröhre operiert hatten.

"Ältere Ärzte operieren und behandeln oftmals auch die schwierigeren Fälle. Am besten ist man wohl zwischen Anfang 40 und Mitte 50", sagt Chirurg Bauer. "Allerdings sollte man dann aufpassen, weil mit zunehmendem Alter oft die Kritikfähigkeit gegenüber der eigenen Leistung abnimmt." Zudem ist es zunehmend schwieriger, sich im Alter lange zu konzentrieren und die körperlichen Belastungen einer mehrstündigen Operation auszuhalten.

"Man wird ungeduldiger, und die Sorgfalt leidet darunter." Für Assistenten und Oberärzte ist es jedoch schwierig, dem ehrwürdigen Chef klarzumachen, dass er aufgrund altersbedingter Beeinträchtigungen besser nicht mehr zum Skalpell greifen möge. Erst vor wenigen Jahren ist ein Fall bekannt geworden, bei dem Mitarbeiter ihren Chirurgie-Chef deckten, obwohl er dement wurde und zunehmend unsicher bei Operationen agierte.

"Ich fordere zwar keinen TÜV für ältere Chirurgen", sagt Hartwig Bauer. "Aber Untersuchungen am OP-Simulator wären interessant." Ärzte in der Ausbildung können so Operationstechniken üben. Zudem misst das Gerät, zu wie viel unnötigen Bewegungen und Fehlern es dabei kommt. Würden sich Chirurgen gelegentlich an den Simulator setzen, ließe sich nicht nur das beste Operationsalter ermitteln, sondern es gäbe auch wichtige Hinweise, wann die Fingerfertigkeit nachlässt.

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