Gesundheitsversorgung in der Krise "Wie auf Postern aus Afrika"

Passanten vor einer geschlossenen Apotheke in Athen.

(Foto: Bloomberg)

Die Klinik ist für viele Athener jetzt schon die letzte Rettung, 40 000 Patienten haben sie bisher geholfen: Frauen, die im siebten Monat schwanger sind ohne bislang einen Frauenarzt besucht zu haben. Säuglinge, die aussehen "wie auf Postern aus Afrika", wie Vichas sagt: Weil ihre Eltern nicht genug Geld haben, strecken sie die Milchpulverrationen.

Selbst ein Geburtstag kann mittlerweile tödlich sein in Griechenland. Kürzlich saß hier eine alte Frau, deren arbeitsloser Enkel Leukämie hat. Er braucht ein sehr teures Mittel, "2000 Euro kostet das im Monat", sagt Vichas, "er muss das nehmen, selbst eine einwöchige Pause würde ihn umbringen." Bis zum 29. Lebensjahr kann man in der Krankenversicherung der Eltern mitlaufen, danach ist Schluss.

Also muss die Familie seit dem 29. Geburtstag des jungen Mannes 2000 Euro im Monat auftreiben. Die Großmutter hat alles verkauft, was sie noch hatte, um ihrem Enkel noch für ein paar Wochen über die Runden zu helfen. Irgendwann war nichts mehr da. "Als die Frau hier ankam, hatte er noch Medizin für vier Tage."

Am selben Abend hat Vichas auf Facebook von dem Fall erzählt. Leukämiekranke aus ganz Griechenland haben daraufhin von ihren eigenen Medikamenten jeweils ein paar Tabletten abgeschnitten und per Kurier geschickt. "Wir haben genug Tabletten für die nächsten drei Monate zusammenbekommen." Puh. Mal zur Abwechslung was Erfreuliches ansprechen: Vichas und seine Kollegen machen so gute Arbeit, dass ihnen das EU-Parlament soeben den European Citizen Award verliehen hat. Glückwunsch! Ist zwar ein Preis ohne Geld, aber trotzdem toll. Oder etwa nicht? Nein?

Vichas lässt die Glückwünsche an sich abregnen. Er, der zuvor so ruhig von all den Katastrophen sprach; von Müttern, die frisch entbunden hatten und denen ihre Säuglinge vorenthalten wurden: Erst, so sagte die Klinikleitung, müssten sie ihre Entbindung zahlen, dann bekommen sie ihre Kinder; dieser Giorgos Vichas echauffiert sich ausgerechnet, als es um diesen Preis geht. "Ich kann ihn nicht annehmen", sagt er. Aber warum denn nicht? "Weil die EU ein Krankenhaus auszeichnet, dass es ohne ihre Sparpolitik nicht geben würde."

Nun gibt es zwar einen Unterschied zwischen der Troika und dem EU-Parlament, aber den lässt Vichas nicht gelten: "Sie geben uns einen Preis, weil wir das Elend lindern und fordern gleichzeitig die Umsetzung von Maßnahmen, die Griechenland vom Elend in die Vernichtung treiben."

Beim Besuch 2013 war die letzte Frage an Vichas, was er am dringendsten brauche. Er zählte medizinisches Gerät und Medikamente auf. Dann stockte er und sagte: "Aber noch dringender brauchen wir ein Gefühl von Solidarität." Warum also nicht auch diesmal mit einer Variation der Frage aufhören: Angenommen, Ihr Bleistift wäre ein Zauberstab und Sie haben drei Wünsche frei, was würden Sie sich wünschen?

"Mir reicht ein einziger Wunsch", sagt Vichas. "Dass man in Europa versteht, dass wir keine Zahlen sind, sondern Menschen."

Zeitstrahl Heikle Wochen in Athen