Alternativmedizin Studien belegen den Eindruck

Für eine Übersichtsarbeit im Fachmagazin Women and Birth (online) werteten Wissenschaftler um Helen Hall von der Pflege- und Hebammenschule der australischen Monash University kürzlich Studien aus den USA, Großbritannien, Deutschland und weiteren Ländern aus.

"Die Ergebnisse zeigen, dass komplementäre und alternative Medizin unter Hebammen weit verbreitet ist", schreibt Hall. Je nach ausgewerteter Studie wendeten 65 bis 100 Prozent der befragten Hebammen alternative Therapien an. Bis zu 96 Prozent verwiesen Frauen zudem an andere Anbieter alternativer Therapien. Eine Schwangerschaft scheint weltweit der Einstieg in die Alternativmedizin zu sein - und Hebammen geben häufig die Starthilfe.

Für Deutschland haben die Mediziner André Beer und Thomas Ostermann Zahlen vorgelegt. Sie schrieben vor einigen Jahren mehr als 1000 Geburtskliniken an und baten sie, Fragebögen zu dem Themenkomplex auszufüllen. 481 Einrichtungen antworteten.

94,1 Prozent dieser Kliniken bieten Schwangeren demnach Akupunktur zur Geburtsvorbereitung an, 83 Prozent verabreichen ihren Patientinnen homöopathische Globuli. "Homöopathische Arzneimittel werden in der Schwangerschaft, zur Geburtsvorbereitung, unter der Geburt und im Wochenbett, vornehmlich durch Hebammen, vermehrt eingesetzt", schreibt Beer, Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde der Klinik Blankenstein.

In Deutschland und den meisten anderen westlichen Ländern wird alternative Medizin ohnehin vor allem von Frauen angewendet. Während einer Schwangerschaft steigt die Attraktivität solcher Therapien enorm.

Viele wollen in dieser Zeit aus Angst vor Nebenwirkungen und Beeinträchtigung des Kindes keine Medikamente einnehmen und wenden sich stattdessen den Mitteln zu, die als natürlich und dadurch automatisch als sicher gelten - manchmal zu Unrecht. Laut Umfragen nehmen 70 Prozent der Frauen während der Schwangerschaft Globuli und Co. in Anspruch.

"Frauen fühlen sich von einer Hebamme besser betreut, wenn die etwas macht oder ihnen etwas gibt. Das ist bei einem Arzt nicht anders", sagt Regine Knobloch, beratende Hebamme beim Deutschen Hebammenverband. In Deutschland spiele auch der Wettbewerb unter Hebammen eine Rolle, sagt Knobloch. Wer in der Begleitung von Schwangeren oder der Wochenbettbetreuung keine Homöopathie, Aromatherapie oder ähnliche Verfahren anbiete, finde womöglich weniger Kundinnen.

Der Einsatz alternativer Therapien sei "kongruent mit der Philosophie von Hebammen", schreibt Helen Hall etwas sperrig. Was das heißt? "Viele sehen sich in der Tradition alter Kräuterfrauen, die Hebammen früher waren", sagt Knobloch. "Gleichzeitig fechten Hebammen seit mindestens dem 18. Jahrhundert einen Macht- und Verteilungskampf mit der Ärzteschaft aus", sagt der Historiker Robert Jütte, der zur Geschichte der Alternativmedizin forscht. Hebammen waren lange Zeit von Ärzten weitgehend entmachtet worden.

In der Alternativmedizin hat der Berufsstand verlorenes Territorium zurückerobert. Hebammen sehen sich teils in der Tradition "weiser Frauen", die einst verfolgt wurden und deren medizinisches Wissen unterdrückt wurde. "Da kann man historische Parallelen zur heutigen Nähe von Hebammen zur Komplementärmedizin ziehen", sagt Jütte. Die meisten dieser Therapien vermarkten sich als unterdrückte Außenseiterverfahren - und wer es wagt, die Konzepte zu kritisieren, gilt schnell als Knecht der Pharmalobby.