Europäische Zentralbank Ein deutscher Favorit und viele falsche Fährten

Bald endet die Amtszeit von EZB-Präsident Trichet. In der Nachfolgedebatte geht es vor allem um nationale Rivalitäten - und ein besonderes Interesse von Nicolas Sarkozy.

Von Helga Einecke

Die Nachfolge von Jean-Claude Trichet, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), gilt als die spannendste Personalie des Jahres 2011 im europäischen Wirtschafts- und Währungsraum. Trichet wird seinen Stuhl Ende Oktober räumen, dann ist seine achtjährige Amtszeit um. Mit ihm tritt ein Euro-Mann der ersten Stunde ab, der die lange Vorgeschichte der Währungsunion noch mit gestaltete.

Wird der Italiener Mario Draghi (links) der neue Präsident der Europäischen Zentralbank?

(Foto: AP)

Sein Nachfolger wird nicht auf einen Erfahrungsschatz dieser Art zurückgreifen können, es sei denn, ein Außenseiter macht das Rennen. Das ist nicht wahrscheinlich. In Zeiten der Krise braucht die Eurozone eine starke Notenbank und erfahrene Personen an ihrer Spitze. Kandidaten gibt es genug, fraglich bleibt, auf wen sich die Regierungschefs in Europa einigen können.

Ganz oben auf der Liste rangiert Bundesbankpräsident Axel Weber, 53. Auch der italienische Notenbankpräsident Mario Draghi, 63, steht hoch im Kurs. Beide haben sich als Wissenschaftler und kompetente Zentralbanker einen untadeligen fachlichen Ruf erworben. Sie kennen sich auf der internationalen Finanzbühne aus, sitzen lange genug im Rat der Europäischen Zentralbank, um den Euro mit geformt zu haben. Draghi verhält sich smart, agiert meist im Hintergrund, wie in Kreisen der Notenbanker üblich. Er leitet das Financial Stability Forum, in dem seit den Zeiten der Asienkrise über die globale Finanz-Architektur diskutiert wird.

Zwei Argumente werden gegen Draghi vorgebracht. Erstens kommt er aus Italien, einem Land mit miserablen Finanzen, dessen Ruf in Europa unter der Regierung von Silvio Berlusconi leidet. Zweitens war er drei Jahre lang bei der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs, weshalb ihm eine Nähe zu Investmentbankern und Märkten nachgesagt wird.

Webers Karriere dagegen ist von der Wissenschaft geprägt. Er war Ökonomieprofessor, Mitglied des Sachverständigenrats, bevor er an die Spitze der Bundesbank rückte. Während der Finanzkrise beriet er die deutsche Regierung, half die Rettung strauchelnder Banken einzufädeln.

Erst die Eurokrise setzte ein sichtbares Stopp-Schild vor seine weitere Karriere. Er stellte sich im Mai offen gegen den EZB-Rat, weil er die umstrittenen Käufe von Staatsanleihen für falsch hält. Diese Opposition nehmen ihm einige Kollegen übel, auch Trichet ist zu dem unbequemen Deutschen auf Distanz gegangen, was ihn nicht als Nachfolger und Moderator eines Gremiums mit 23 Mitgliedern empfiehlt.

Vorgeschlagen und berufen wird die EZB-Führung von den Regierungen. Weber gilt als Kandidat der deutschen, nicht aber der französischen Seite. Aber ohne diese beiden größten Euroländer läuft nichts, schon gar nicht eine Chefsache. Ein Deutscher wäre im Spektrum der Nationalitäten die natürliche Wahl, weil die Franzosen mit Trichet gerade am Zuge sind. Wenn nicht Weber, wer dann? Würde sich Jürgen Stark, 62, derzeit EZB-Chefvolkswirt, zur Verfügung stellen?