Euro-Schuldenkrise kehrt zurück Italien und Spanien versetzen die Märkte in Krisenstimmung

Eine epochale Einigung sieht anders aus. Kurz nach dem großen Brüsseler Gipfel-Bohei ist die Sorge um Italien und Spanien größer denn je. Der Grund: Die Regierungen in Rom und Madrid haben versagt. Investoren bereiten sich nun auf den Ernstfall vor, die Euro-Krise kehrt mit voller Wucht zurück.

Von Martin Hesse und Catherine Hoffmann

Keine zwei Wochen hat die Erleichterung über die Ergebnisse des Euro-Rettungsgipfels gehalten. Am 21. Juli hatten Europas Regierungschefs ein zweites Hilfspaket für Griechenland beschlossen. Und nicht nur das, der Euro-Rettungsfonds sollte mächtiger werden, um eine Ausweitung der Schuldenkrise auf Spanien, Italien und andere Länder zu verhindern. Doch es hat nicht gereicht.

In diesen Tagen ist die Sorge um Italien und Spanien größer denn je. Abzulesen ist das an den Zinsen, die beide Länder bieten müssen, wenn sie sich Geld leihen. Die Renditen auf zehnjährige Staatsanleihen beider Länder sind auf mehr als sechs Prozent gestiegen - so hoch wie nie seit Einführung des Euro. Der politische Machtkampf in Italien und die vorgezogenen Neuwahlen in Spanien treiben die Zinsaufschläge, enttäuschende Konjunkturdaten für Europa verschlechtern die negative Stimmung noch weiter.

Die Vermögensverwalter bei Versicherungen, Banken und Fondsgesellschaften sind nervös. "Gegen die Marktpsychologie kommen sie nicht an", sagt Asoka Wöhrmann, der das Anleihegeschäft bei der Investmentgesellschaft DWS leitet. Deren Fondsmanager sind schon lange angehalten, möglichst wenig Geld in italienische und spanische Anleihen zu stecken.

Das hat Konsequenzen. "Ich fürchte, die Kursentwicklung hat eine Eigendynamik entwickelt", sagt Jens-Oliver Niklasch, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg. "Es gibt Anleger, denen die Verluste zu groß geworden sind; die ziehen jetzt die Reißleine." Ihre Verkäufe setzen die Kurse italienischer und spanischer Anleihen noch mehr unter Druck - wodurch die Renditen steigen.

Wenn bei den nächsten Auktionen italienischer oder spanischer Staatsanleihen die Käufer streiken, sieht es düster aus. Die Regierung Berlusconi muss sich allein in diesem Jahr noch 82 Milliarden Euro leihen, in den nächsten vier Jahren muss die Hälfte der Altschulden des Landes durch neue ersetzt werden. Gesucht sind Geldgeber für etwa 800 Milliarden Euro. Ökonomen sind sich einig, dass das Land unter der Last seiner Schulden zusammenbricht, wenn die Zinsen noch lange so hoch bleiben. "Aus einem Schneeball entwickelt sich eine riesige Lawine", glaubt Niklasch.

Ähnliche Kräfte wirken in Spanien. Dem Land hilft es wenig, dass seine Schuldenquote mit etwa 60 Prozent nur halb so hoch ist wie die Italiens. Das interessiert an den aufgeregten Finanzmärkten derzeit ebenso wenig wie die Tatsache, dass Italiens Wirtschaft wettbewerbsfähig ist. "Die Lage ist ernst", sagt Wöhrmann. "Der Markt testet jetzt, ob der Stabilitätsfonds handlungsfähig ist und Anleihen wackelnder Euro-Staaten kauft." Das wurde am 21. Juli zwar beschlossen, aber noch nicht in die Tat umgesetzt.

Ob das Geld des Krisenfonds ausreicht, um allen zu helfen, ist eine andere Frage. Für Spanien dürfte es schon eng werden, Italien ließe sich auf keinen Fall stützen. So drehen sich die Gedanken der Großanleger in Endlosschleifen. Und jeder Geldverwalter, der versucht, für seine Bank oder Versicherung das Schlimmste abzuwenden, indem er italienische oder spanische Anleihen abstößt, bringt die beiden Staaten näher an den Rand der Zahlungsunfähigkeit.

Die italienischen Banken trifft's als Erstes

Auch der Kursverfall der Bankaktien ist ein Indiz dafür, dass Anleger sich aus Italien und Spanien zurückziehen. Die Aktien der Großbank Unicredit, zu der auch die deutsche Hypovereinsbank gehört, haben seit Anfang Juli fast ein Viertel ihres Wertes verloren.

Investoren machen eine einfache Rechnung auf: Wenn Italien tatsächlich Probleme bekommt, die Schuldenlast zu tragen, trifft dies die Banken des Landes als Erste. Allein Unicredit hat italienische Staatsanleihen im Volumen von fast 50 Milliarden Euro in den Büchern. Das Gleiche gilt für Spanien: Santander und BBVA haben ihrer Regierung zusammen fast 100 Milliarden Euro geliehen.

Noch können Spanien und Italien ihre Schulden bedienen. Doch die Investoren bereiten sich bereits auf den Ernstfall vor. So hat die Deutsche Bank ihr Risiko, bei einer Zahlungsunfähigkeit Italiens Geld zu verlieren, durch Kreditausfallversicherungen von acht auf etwa eine Milliarde Euro reduziert. Und genau das ist das Problem: Je mehr Risikomanager sich so verhalten, desto schwieriger wird es für Italien, Spanien und ihre Banken, sich über Wasser zu halten.

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