Tech-Festival SXSW Träumen Faschisten von Algorithmen?

US-Senator Cory Booker beantwortet Fragen beim SXSW-Festival in Austin.

(Foto: REUTERS)

Demokratie ist kein selbstfahrendes Auto: Das Tech-Festival "South by Southwest" in Texas widmet sich großen Fragen. Die schwierigste betrifft den Umgang mit Donald Trump.

Von Jannis Brühl und Matthias Kolb, Austin

Zur Premiere des "South by Southwest"-Festivals in Austin, Texas, kamen 1987 ein paar Hundert Leute, die neue Bands hören wollten. Dreißig Jahre später ist die Musik-Sparte Nebensache, der Programmteil "SXSW Interactive" hat sich zur wichtigsten Ideenmesse der Welt entwickelt. Jedes Jahr reist das halbe Silicon Valley nach Texas, zudem immer mehr Besucher aus dem Ausland. Konzerne wie Daimler sind da und geben sich modern. Die Besucherzahlen steigen (2017 etwa 100 000). Die Hotels werden teurer, die Warteschlangen vor den Sälen im riesigen Convention Center länger. Neben Unternehmern halten Filmstars und Bestseller-Autoren Vorträge, mit Barack Obama im Vorjahr erstmals auch ein US-Präsident: Man war auf einer Wellenlänge und bewunderte sich gegenseitig.

Nun hat das Silicon Valley nicht nur seinen Mann im Weißen Haus verloren. Der Wahlsieg von Donald Trump stürzt die sonst so zukunftsfreudige Tech-Szene in eine Sinnkrise. Die Nerds wollen nicht nur reich werden, sondern auch die Welt vernetzen, doch die Macht im Land liegt nun in den Händen derer, die die Zeit zurückdrehen und Mauern bauen möchten.

Es ist also konsequent, dass mit dem demokratischen Senator Cory Booker ein Politiker diese SXSW eröffnet. "Niemals habe ich ein solches Klima der Angst erlebt", sagt er. Corey, schwarz, Ende 40, könnte 2020 als Präsident kandidieren und klingt oft wie ein Prediger: "Amerika braucht mehr Liebe, Toleranz ist nicht genug." Er kritisiert Trump, ruft aber zum Dialog mit dessen Wählern auf.

Konkreter wird Booker nicht, aber der Applaus ist trotzdem groß. Er ist der Typ Politiker, den das mehrheitlich weiße SXSW-Publikum liebt: Hat in Stanford und Yale studiert und wurde durch die sozialen Medien landesweit bekannt. Als Bürgermeister von Newark war er via Twitter erreichbar und schaufelte eigenhändig eingeschneite Einfahrten frei. Dafür wurde er bejubelt, bis Trump zeigte, wie man mit Twitter eine politische Revolution auslöst.

Ein Comedian tadelt, Demokratie fahre sich nicht "von selbst" wie ein selbstfahrendes Auto

Als Reaktion darauf gibt es bei SXSW den Schwerpunkt "Tech under Trump". Der politische Comedian Baratunde Thurston wirft der Branche "Arroganz und Ignoranz" vor: "Demokratie fährt sich nicht von selbst." Es sei nicht genug, einfach klügere Soft- und Hardware zu bauen wie für intelligente Autos. "Nur weil du ein guter Software-Ingenieur bist, kannst du noch keine gute Gesellschaft bauen." Thurston fordert mehr "Pro Bono Tech": Die Branche solle mit ihrem Know-How lieber politische Gruppen unterstützen, die seit Jahrzehnten für Gerechtigkeit kämpfen. Jobs sind eines von Trumps Themen, aber er habe kein Rezept für die Folgen der Automatisierung, ergänzt der Buchautor Jeff Howe. "Durch selbstfahrende Lkws werden Millionen ihre Jobs verlieren." Debatten über die Umverteilung des Wohlstands oder ein bedingungsloses Grundeinkommen seien dringend nötig. Wer länger arbeitslos sei, werde depressiv, das könne sich die Gesellschaft nicht leisten. Wie die staatsfeindlichen Konservativen zu überzeugen sind, dass Weiterbildungsprogramme und Mutterschutz nicht in den Sozialismus führen, weiß auch Howe nicht, und so endet sein Vortrag matt: "Ich sehe das hier mehr als Brainstorming-Session."

"Amerika braucht Liebe, Toleranz ist nicht genug"

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Auf der Konferenz dominiert das Nebeneinander von Entsetzen und Ratlosigkeit. Dabei wären konkrete Strategien nötig. Der Aufstieg der Nationalisten vollzieht sich, während Software bahnbrechende Fortschritte ermöglicht. Auf einer Bühne unterhalten sich Roboter über den Wert des menschlichen Lebens: "Wenn Autos so viele Leute töten, warum sind sie dann nicht verboten?" Algorithmen haben begonnen, wie Kinder zu lernen und treffen Entscheidungen von größter Tragweite.

Mit Vint Cerf tritt einer der Väter des Internets auf. Er entwickelte 1974 das Internet-Protokoll (IP), nun ist er bei Google als "Chief Internet Evangelist" für die großen Fragen zuständig. Der Ausblick des 73-Jährigen ist düster: "Die Technik hat sich so rasant verändert, dass unser Denken und unsere Intuition nicht mehr hinterher kommen."

Christopher Piehota von der technischen Abteilung des FBI verteidigt Gesichtserkennungs-Software. Kurz darauf berichtet Brian Brackeen von der Firma Kairos, dass jüngst eines seiner Programme eine Jamaikanerin als "12 Prozent asiatisch" eingeschätzt habe. Die habe daraufhin gerufen: "Mein Gott, ich habe tatsächlich eine asiatische Großmutter!" Da dreht sich ausgerechnet FBI-Mann Piehota zu Brackeen um und sagt: "Das macht mir Angst."

Seit Edward Snowden 2014 zugeschaltet wurde, nimmt die Zahl skeptischer Beiträge auf der Konferenz zu. Kate Crawford, die für Microsoft und das Massachusetts Institute of Technology forscht, spricht gar von einem drohenden digitalen Faschismus. Schon die Nazis haben Lochkarten-Maschinen von IBM bei der Organisation des Holocaust genutzt. Heute, so Crawford, halten Big-Data-Anwendungen und andere undurchsichtige "Black Box-Systeme" Einzug in die Exekutive. Wie die Software von Palantir, der Firma von Trumps Unterstützer Peter Thiel. Damit erfassen die USA Einwanderer: "Es könnte die mächtigste Maschinerie für Massendeportationen sein, die das Land je gesehen hat." Wer nicht ins Land darf, lege irgendwann ein Algorithmus fest, den die Grenzbeamten selbst nicht verstünden. "Das ist der Traum eines Faschisten: Macht ohne Rechenschaft." Was die Privatwirtschaft entwickle, müssten Politiker sich nur noch schnappen: "Facebook ist so etwas wie ein Muslim-Register der Welt geworden."

Dass der Fortschritt auch die Medizin vor neue ethische Fragen stellt, zeigt Jennifer Doudna. Die Berkeley-Professorin hat 2012 mit Emmanuelle Charpentier ein Instrument namens Crispr-Cas9 erfunden, das die Biomedizin revolutioniert. Das Werkzeug aus Bakterien kombiniert die programmierbare genetische Sonde Crispr mit einer genetischen Schere, also einem Enzym, und kann so das Erbgut DNA schneiden. Damit ließen sich etwa Moskitos erschaffen, die keine Krankheiten mehr übertragen, oder Schweine züchten, deren Organe noch besser in Menschen transplantiert werden können.

Die Entwicklungen seien "großartig", ruft Doudna, aber auch "ziemlich Furcht einflößend: Der Embryo eines Affen sei schon 2012 in China verändert worden. "Wir werden bald sehen, wie Menschen in die Evolution eingreifen", sagt Doudna. Sie betont, dass sie mit Ethik-Experten eine Diskussion angestoßen hat. Ihre größte Sorge besteht darin, dass Forscher aus Gier und Ehrgeiz zu früh zu viel wagen.

"Warum dauert es acht Stunden, um ein Buch zu lesen? Es ist frustrierend, ein Mensch zu sein."

Später berichtet Reshma Shetty, wie sie und ihr Team beim Bio-Start-Up Ginkgo "an der DNA herumschnipseln". Hier, in einer Diskussion über die "Zukunft der Intelligenz", ist der Fortschrittsglaube ungebrochen. "Warum dauert es acht Stunden, um ein Buch zu lesen? Es ist frustrierend, ein Mensch zu sein", klagt Bryan Johnson. Der 38-Jährige ist Multimillionär, seit er das Online-Bezahlsystem Braintree an Ebay verkaufte. Weil sein Stiefvater an Alzheimer erkrankte, hat er die Firma Kernel gegründet und tut nun alles, um das Gehirn besser zu verstehen und leistungsfähiger zu machen. Johnson betont, wie entscheidend das Narrativ der Technik sei: "Wenn Leute, die zu viel von der dystopischen BBC-Serie ,Black Mirror' gesehen haben, allen einreden, dass unser Gehirn gehackt werden kann, dann verpassen wir die Chance, das Leben für Milliarden Menschen zu verbessern."

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Angesichts so düsterer Analysen war der Auftritt des Modeschöpfers Marc Jacobs durchaus erholsam: Er erzählt, wie er seine Schauen für Instagram optimiert und bekommt Applaus, als er verkündet, dass er keine Kleider für First Lady Melania designen werde. Auch das ein Trend dieser ausufernden SXSW: Wer berühmt ist, darf sich als Visionär präsentieren. Also werden die Showrunner der HBO-Fantasy-Serie "Game of Thrones" ebenso gefeiert wie der frühere Vizepräsident Joe Biden: Er erhofft sich von den Nerds Unterstützung für seine neue Anti-Krebs-Initiative.

Sogar Journalisten werden Trump sei Dank plötzlich wie Rockstars gefeiert. Hunderte warten eine Stunde lang, um den New York Times-Chefredakteur Dean Baquet zu hören. Er erklärt, wie seine Zeitung die Interessenkonflikte des Präsidenten aufdecken will. CNN-Moderator Jake Tapper wird gefeiert, weil er in Interviews mit Trumps Sprecherin Kellyanne Conway die Königin der alternative facts als Lügnerin entlarvte. Er sehe sich nicht als Held, sagt Tapper: "Ich habe schon an Fakten geglaubt, als das noch nicht cool war." Er denke nicht darüber nach, ob seine Berichte Wähler beeinflussen. Ihn motiviere etwas, was nicht alle Tech-Leute zu gelten scheint: "Ich will nur meinen beiden Kindern in die Augen schauen können. Die werden irgendwann über diese verrückte Zeit lesen, dann sollen sie stolz auf mich sein."

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