Streit zwischen Youtube und Gema Diese Kultur ist in Deutschland leider nicht verfügbar

Youtube, ist das nicht diese Plattform für Quatsch und Klamauk? In Deutschland leider schon, anderswo hingegen ist die Seite ein quicklebendiges pop- und netzkulturelles Echtzeitmuseum. Das zeigt ein Blick auf die in Deutschland gesperrten Videos.

Von Pascal Paukner

Wenn in Deutschland von sozialen Netzwerken die Rede ist, dann wird oftmals nur über Facebook und Twitter gesprochen. Und nur selten über WhatsApp, Tumblr oder Youtube. Dabei spielt gerade die Videoplattform mit täglich 800 Millionen Nutzern global betrachtet in einer Liga mit Facebook und wird von deutlich mehr Menschen genutzt als Twitter. Dass Youtube ganz nebenbei zum größten popkulturellen Archiv in der Menschheitsgeschichte geworden ist - in Deutschland merkt man davon fast nichts.

Das hat auch mit dem andauernden Streit zwischen dem Youtube-Mutterkonzern Google und der deutschen Verwertungsgesellschaft Gema zu tun. Eine jetzt veröffentlichte Übersicht der eintausend populärsten Youtube-Videos zeigt ein bemerkenswertes Bild: 61,5 Prozent der Clips sind in Deutschland gesperrt. Verglichen mit 0,9 Prozent in den USA und etwas mehr als einem Prozent gesperrter Videos in Nachbarländern wie Österreich oder der Schweiz kann Deutschland allerhöchstens als Youtube-Entwicklungsland gelten. Selbst in Staaten wie dem Vatikan oder Südsudan ist die Videovielfalt unter den Tophits größer als hierzulande.

Es ist eine Situation, die dazu führt, dass wichtige Teile der jüngeren Popkultur nicht verfügbar sind. Denn die Liste der bedeutsamen, aber gesperrten Youtube-Videos ist lang:

  • Das mit 1,2 Milliarden Aufrufen populärste Internetvideo aller Zeiten, "Gangnam Style" zu dem kürzlich sich sogar der Philosoph Slavoj Zizek äußerte, ist in Deutschland in der Originalversion gesperrt.
  • Die Hymne der ersten Weltmeisterschaft im Herrenfußball in Afrika (Platz 7 der meistgeklickten Videos) ist in Deutschland nicht verfügbar.
  • Die Popularität Justin Biebers in Deutschland hat offenbar nichts mit seiner weltweiten Popularität auf Youtube zu tun. Denn nahezu alle Musikvideos des Teenageridols sind hierzulande nicht auf Youtube abspielbar.
  • Nach den Terroranschlägen auf die USA im Jahr 2001 wurde der Song "Hero" (Platz 480) des spanischen Sängers Enrique Iglesias zum musikalischen Symbol für die als Heldentaten empfundenen Maßnahmen der Rettungskräfte. In Deutschland ist dieses Stück Popgeschichte nicht verfügbar.
  • Offizielle Videos von Songs wie "Barbara Streisand" von Duck Sauce (Platz 462), "Enter Sandman" von Metallica (Platz 506), "In the End" von Linkin Park (Platz 530) oder "Bad" von Michael Jackson (Platz 633), die wichtige Beiträge zur Weiterentwicklung ihres jeweiligen musikalischen Genres geleistet haben, sind in Deutschland gesperrt.
  • Die offizielle Version des Rick-Astley-Songs "Never Gonna Give You Up" (Platz 611) gibt es in Deutschland ebenfalls nicht auf Youtube zu sehen. Auf dem Song basiert das Netzkulturphänomen Rickrolling, bei dem ahnungslose Internetnutzer, die eigentlich auf der Suche nach ganz anderen Dingen sind, auf das Musikvideo von "Never Gonna Give You Up" zu leiten.
  • Der Song "Kids" der Indiegruppe MGMT (Platz 912) ist in Deutschland gesperrt. Das Lied war im Jahr 2009 Gegenstand einer Rechtsstreitigkeit zwischen dem damaligen französischen Präsidenten Nicloas Sarkozy und der Band. Wer nachhören will, um welches Stück es damals ging, kann das in Deutschland nicht.
  • Das Video eines Liveauftritts der kanadischen Sängerin Avril Lavigne ist eigentlich nur in Japan gesperrt - weil der übertragende Sender Asahi TV seine Rechte geltend gemacht hat. In Deutschland ist dieses Lied auch gesperrt - bei Liveaufnahmen eher unüblich. So sehen deutsche User statt der kanadischen Sängerin einen Verweis auf eine japanische Fernsehstation.

Die popkulturelle Youtube-Realität in Deutschland dagegen besteht beispielsweise aus einem Kind, das sich auf den Finger beißt und einer grünen Zeichentrickfigur, die zu einem Gummibären-Song tanzt. Vermutlich ist das auch der Grund, weshalb Youtube hierzulande nicht als das wahrgenommen wird, was anderswo längst ist: das wichtigste soziale Musiknetzwerk.