Streit mit Youtube "Es gibt einen Terrorangriff. Runter! Runter!"

Um zwei Uhr nachts surft er auf Facebook und Twitter. Dort fällt ihm ein Tweet des BR auf. "Ich habe geklickt und konnte es nicht glauben. Die haben das Video ungekürzt hochgeladen", sagt Gutjahr. In der international bekannten Version hört eine seiner Aufnahmen nach 30 Sekunden auf. Was der BR auf Youtube zeigt, dauert zehn Sekunden länger. Dort zu hören ist Gutjahr, der auf Englisch schreit: "Es gibt einen Terrorangriff. Runter! Runter!" Zu hören sind auch Kinderschreie und eine weibliche Stimme, die schreit: "Wirklich?" Das Sender-Logo wird eingeblendet.

Die weibliche Stimme ist die von Einat Wilf, Gutjahrs Ehefrau. Sie ist Israelin, saß als Abgeordnete in der Knesset. Der Journalist ruft eine Person in hochrangiger Funktion beim BR in München an. "Ich habe dieser Person gesagt, dass in jeder Minute, in der das Video online ist, 100 Kopien davon gezogen werden." Er habe mit Nachdruck darum gebeten, das Video zu löschen, sagt er. "Ich möchte nicht, dass die Schreie meiner Frau und das Weinen meines Sohnes überall im Netz verbreitet werden." Gutjahr sagt, dass nach dem Gespräch zunächst nichts passierte. Eine Stunde später sei das Video dann entfernt worden.

"Das ging sofort in die antisemitische Verschwörungsecke"

Sigmund Gottlieb, Fernseh-Chefredakteur beim BR, teilt auf Nachfrage mit: "Richard Gutjahr hatte das Film-Material der Redaktion ohne einordnenden Hinweis auf seine Familie zur Verfügung gestellt." Den zuständigen Redakteuren habe nicht bewusst sein können, dass in dem Video Stimmen der Familie zu hören seien. "Erst als Herr Gutjahr dies der Redaktion mitgeteilt hatte, konnte diese entsprechend reagieren", schreibt Gottlieb weiter. Er sagt, dass er sich angesichts der "massiven Anfeindungen" vor Gutjahr stelle, "klar schützend".

Screenshots, die Gutjahr auf dem USB-Stick mitgebracht hat, zeigen Nutzer, die Tage später Standbilder aus diesem Video samt Namen seiner Frau twittern. Die Entscheidung der Redaktion, das Video in dieser Version hochzuladen, war offenbar Auslöser für die fixe Idee der Verschwörungstheoretiker. Sie gilt ihnen als erstes Indiz dafür, dass Gutjahr etwas geheim halten will. "Dieses Video war der Schneeball, der die Lawine ins Rollen gebracht hat", sagt Gutjahr. "Dadurch, dass meine Frau als Jüdin identifiziert wurde, ging das sofort in die antisemitische Verschwörungsecke."

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Grund dafür dürfte sein, dass Wilf im israelischen Militär, das für Frauen ab 18 Jahren verpflichtend ist, als Geheimdienstoffizierin arbeitete. Dieser fast zwei Jahrzehnte zurückliegende Dienst wird in praktisch allen Videos erwähnt und soll Gutjahr in der Logik der Verschwörungstheoretiker als Spion enttarnen. Dass er zum Zeitpunkt des Anschlags bereits seit Monaten in Nizza lebte, spielt in dieser Logik keine Rolle.

"Die 'Mossad-Connection' gab es schon nach Nizza. Aber nach München ging es dann so richtig los", sagt Gutjahr. Erstens: seine Frau. Zweitens: "Schon wieder ich vor Ort." Drittens: Auch seine Tochter ist zu dieser Zeit, während ihrer Semesterferien, in ihrer Heimatstadt München. Sie ist in der Nähe des OEZ, erfährt von Menschen, die ihr entgegenrennen, von den Schüssen und geht zurück in die Wohnung ihrer Oma, in der sie "seit kleinauf ihre Freitag-Nachmittage" verbringt, wie Gutjahr sagt. Sie ist es auch, die ihren Vater anruft. "Ich wollte mich erst einmal um meine Tochter kümmern", sagt dieser.

Zu dieser Zeit habe er sich im Auto befunden, in der Nähe des OEZ, auf dem Weg zum BR. "Als meine Tochter gesagt hat, dass sie in Sicherheit ist, bin ich auf den Reportermodus umgeschwenkt und habe angefangen, zu arbeiten. Ich kam erst an, als die Schüsse schon gefallen waren."