Polizei Mannheim "Was willst Du uns mit diesem Tweet sagen?"

  • Am Samstagabend ist für ein paar Stunden nichts über die Herkunft des Mannes bekannt, der in Heidelberg mit einem Auto in eine Menschenmenge gefahren war.
  • In dieser Zeit spekulieren Twitter-Nutzer ohne Faktengrundlage und machen die angeblich allzu liberale Politik verantwortlich.
  • Die Polizei Mannheim antwortet den Bürgern - in teilweise recht offensivem Tonfall.
  • Möglicherweise haben einige der Nutzer die Schwelle zur strafbaren Beleidigung überschritten.

Eigentlich vertrauen die Deutschen der Polizei. 82 Prozent der Befragten halten Polizisten für glaubwürdig. Doch während sich Medien für viele in die "Lügenpresse" verwandeln, ändert sich in Teilen der Bevölkerung auch der Blick auf die Beamten. Aus Freunden und Helfern werden "Lügenpolizisten".

Zumindest haben all jene, die deutsche Ordnungshüter schon immer dem vermeintlichen Lügenkartell aus Presse und Politik zugeordnet haben, jetzt einen neuen Kanal, um ihre Hasstiraden loszuwerden: Ein anonymes Twitter-Profil ist binnen weniger Minuten erstellt, und schon kann man munter drauflos pöbeln. Am Samstagabend hat es die Polizei Mannheim erwischt.

Ein 35-jähriger Mann war in der Heidelberger Altstadt in eine Menschengruppe gefahren. Ein Mensch starb, zwei weitere wurden verletzt, der Täter wurde festgenommen. Um 18:04 setzte die Polizei Mannheim einen entsprechenden Tweet ab. Ruhig, sachlich - und ohne Hinweise auf die Herkunft des Fahrers:

Im Deutschland des Jahres 2017 reicht das offenbar aus, um wilde Spekulationen auszulösen. "Welchen Migrationshintergrund hat der versuchte Mörder?", wollte ein Nutzer wissen. "Liebe Polizei nennt doch bitte die Herkunft des Täters damit alle beruhigt sind", forderte ein anderer. Manche wussten auch längst Bescheid: "Verstärkte Abschiebung muss von allen Bundesländern eingehalten werden ! Kein weiterer Zuzug !"

Die Social-Media-Abteilung der Polizei blieb gelassen, antwortete mit einer Gegenfrage und gab Nachhilfe in Sachen Orthografie:

Den ganzen Samstagabend ging es im gleichen Tonfall und auf dem gleichen Aggressionsniveau weiter. Eine Berliner-AfD-Politikerin schaltete sich ein, immer wieder wurde über die Herkunft des Täters spekuliert oder im Pretzell-Stil, der nach dem Anschlag in Berlin von "Merkels Toten" gesprochen hatte, die Politik verantwortlich gemacht: "In Heidelberg wählten 40% die Multi-Kulti "Grünen"! Der hereingeholte islamische Terror schickt jetzt den Dank"

In vielen Fällen forderten sich die Twitter-Nutzer gegenseitig auf, besonnen zu bleiben und Mutmaßungen zu unterlassen. Teilweise antwortete die Polizei Mannheim auch selbst auf die Beleidigungen:

Dann, um 21:25 Uhr, stellte die Polizei klar: "Tatverdächtiger: 35-jähriger Deutscher". Es folgten eine Reihe an Belehrungen, dass die Herkunft heutzutage doch gar keine Bedeutung mehr habe. Man wolle bitteschön auch die "Rasse" des Fahrers erfahren. Angesichts solcher Tweets fiel es auch den Beamten schwer, höflich zu bleiben. Einem besonders ausfälligen Nutzer antwortete die Polizei einfach nur: "WTF are you talking about?" Und stellte kurz danach nochmal unmissverständlich für alle klar:

Am Sonntagmittag teilten die Ermittler mehr Informationen über den Täter mit. Der 35-jährige Student wohnte in Heidelberg, sein Motiv ist unbekannt. Nachdem er operiert worden und wieder ansprechbar gewesen sei, habe man ihm den Haftbefehl eröffnet, sagt die Polizei.

Den Menschen, die sich am Samstagabend auf Twitter austobten, droht kein Haftbefehl - mit einer Anzeige müssen einige aber rechnen. "Wir werden die Beiträge auf strafbare Inhalte hin überprüfen", sagt Polizeisprecher Norbert Schätzle. Möglicherweise hätten sich einzelne Nutzer dabei mehr geleistet, als von der Meinungsfreiheit gedeckt sei. Dabei gehe es vor allem um den Straftatbestand der Beleidigung.

Das recht offensive Vorgehen der Polizei am Samstag hat ihr auch Kritik eingebracht. Einige Nutzer werfen den Beamten vor, sich nicht neutral verhalten zu haben. "Insgesamt überwiegt aber eindeutig das positive Feedback", sagt Schätzle. Die Polizisten hätten auf Twitter viel Rückendeckung erhalten. Letztendlich sei die Polizeiarbeit in sozialen Medien aber ohnehin nur Nebensache: "Glauben Sie mir, im Fokus der Ermittlungen steht jetzt gerade anderes."

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