Migrantenschreck "Ich will ja keine Flüchtlinge töten. Es geht um einen Denkzettel"

Der "Antifaschreck"-Revolver feuert mit 125 Joule Mündungsenergie. Ohne Waffenschein sind 7,5 Joule erlaubt. Die Geschosse können Menschen töten.

(Foto: SZ / Motherboard)
  • Hunderte Menschen in Deutschland haben Schusswaffen beim illegalen Online-Shop "Migrantenschreck" bestellt.
  • Die Webseite hat Gewehre, Pistolen, Revolver und Armbrüste zum Schutz vor "Merkels vergewaltigenden Invasoren" verkauft.
  • Die Kunden kommen aus allen politischen und gesellschaftlichen Milieus.
  • Der Betreiber von Migrantenschreck ist in Deutschland untergetaucht, gegen die Waffenkäufer laufen Ermittlungen und Razzien.
Von Max Hoppenstedt, Simon Hurtz und Daniel Mützel

Am Abend des 5. Oktober begeht Alexander Haase* eine Straftat. Seine Praxis hat bereits geschlossen, als der Allgemeinmediziner noch einmal seinen Browser öffnet und das gewünschte Produkt in den Warenkorb legt. Um 21:10 Uhr* schließt er die Bestellung mit der Nummer 1z61tg034243f* ab und überweist 590,99 Euro* auf ein ungarisches Bankkonto. Einige Wochen später bringt ihm ein DHL-Fahrer ein unscheinbares Paket aus braunem Karton. Darin ist ein Revolver. Haase besitzt keine Waffenerlaubnis. (*Namen und Details der Bestellung geändert)

Was Haase ebenfalls nicht besitzt: einen VPN-Zugang und ein anonymes Postfach, mit denen er seine Identität verschleiern könnte. Er lässt sich eine Waffe, Munition und Hartgummigeschosse an seinen Arbeitsplatz schicken, eine Arztpraxis in der brandenburgischen Provinz. Name, Anschrift, E-Mail, Handynummer und die IP-Adresse seines Rechners - all das gibt er bereitwillig preis.

Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass diese Informationen in einer großen Datenbank gespeichert werden, die über Umwege in die Hände von Journalisten gelangt. Journalisten, die einige Monate später bei Haase klingeln und ihn fragen werden, warum er für knapp 600 Euro auf einer Webseite namens "Migrantenschreck" bestellt hat.

Im Laufe des vergangenen Jahres haben das Hunderte Menschen in ganz Deutschland getan, wie die Datensammlung zeigt, die SZ.de und dem Technologie-Magazin Motherboard vorliegt. Insgesamt kommen die Bestellungen aus einem Dutzend Ländern. Alleine im Oktober werden Gewehre, Pistolen, Revolver und Munition im Wert von mehr als 35 000 Euro verschickt. "Einfach, schnell und diskret - das ist das Motto von Migrantenschreck", heißt es auf der Webseite. Einfach und schnell mag die Abwicklung sein, diskret ist sie jedenfalls nicht. Genauer gesagt: nicht mehr. Denn wie Recherchen zeigen, sind die Kundendaten mittlerweile auch in den Händen mehrerer Staatsanwaltschaften und Verfassungsschutzämter. Ein Glücksfall für die Ermittler, der vor vielen Monaten mit einem Zufallstreffer bei Google begann.

Der Erfolg von Migrantenschreck zeigt, wie leicht sich rechte Hetze zu Geld machen lässt, wie empfänglich Menschen aus der Mitte der Gesellschaft dafür sind - und wie schwer es Behörden fällt, dagegen vorzugehen. Es dauert Monate bis sich die Schlinge um Betreiber und Kunden enger zieht. Monate, in denen Hunderte Waffen in alle Ecken Deutschlands und der Datenbank zufolge auch nach Russland oder Spanien verschickt werden.

Haase ist kein typischer Wutbürger

Monatelang ahnt Haase nicht, dass seine persönlichen Daten bekannt sind - bis an einem Januarabend zwei Journalisten vor seiner Praxis stehen. Haase führt sie in ein schlauchartiges, verqualmtes Nebenzimmer. Das Paket mit dem ungarischen Absender liegt auf der schmalen Küchenzeile, der Karton ist aufgerissen. Die Besucher wollen wissen, ob Haase das Gefühl hat, sich vor Flüchtlingen schützen zu müssen. Glaubt er, dass seine "Stadt zum gesetzlosen Tummelplatz von Asylforderern wird", dass er "Frauen schützen und Fußgängerzonen zugänglich halten" muss, wie es in der Beschreibung des doppelläufigen Gewehrs "Migrantenschreck DP120 Professional Bautzen Edition" steht?

Wenn es den typischen "Wutbürger" gibt - Haase ist es nicht. Der große, stämmige Mann mit gutmütigem Blick wirkt bieder und harmlos, bietet den Besuchern Kaffee an. "Ich habe kein Problem mit meinem Sicherheitsbedürfnis", sagt er. Er interessiere sich einfach für Waffen. Als er einen Patienten gefragt habe, wo er eine Schusswaffe kaufen könne, habe der geantwortet: im Darknet oder bei Migrantenschreck.

Das "Antifa-Schreck Komplettpaket" gegen "rotzfreche Antifanten", Schauermärchen über "Merkels vergewaltigende Invasoren" - die Sprache der Webseite nennt der Arzt "beunruhigend". Gegen Ausländer habe er nichts, sagt Haase, als er den Karton öffnet und den schwarzen Revolver herauszieht, um ihn den Besuchern zu zeigen. Einmal habe er erst damit geschossen, gleich hier, auf den Gartenzaun seiner Praxis - "ein ohrenbetäubender Lärm".

Die Migrantenschreck-Waffen sind tödlich - Haase weiß das

Mit seinem Revolver werde er weder auf Deutsche noch auf Flüchtlinge schießen, versichert Haase. Aus seiner Ausbildung wisse er, dass bereits eine Gaspistole ohne Projektile die Schädeldecke eines Menschen zertrümmern könne. Als ihm die martialischen Produktvideos von Migrantenschreck vorgespielt werden, schüttelt er den Kopf. "Geschmacklos" sei das - und gleichzeitig sagt er Sätze wie: "Ich denke schon, dass durch den Zuzug von Ausländern die Kriminalitätsrate steigt.". Oder: "Menschen aus anderen Ländern haben natürlich andere Vorstellungen davon, wie man sich in der Gesellschaft benimmt. Die unkontrollierte Zuwanderung ist ein Problem, wir brauchen eine 180-Grad-Drehung."

Haase wirkt dabei nicht aggressiv, eher verunsichert. Relativiert seine Sätze, wenn er befürchtet, dass sie zu drastisch wirken könnten. Es gebe "eine Pflicht zu helfen", fügt er dann hinzu. Dass er gegen geltendes Recht verstoßen hat, sei ihm bislang nicht klar gewesen. Ein Hubschrauber fliegt vorbei, die Geräusche der Rotoren sind deutlich in der Arztpraxis zu hören. "Da kommen sie schon, um mich zu holen", sagt Haase spöttisch. Allzu beunruhigt klingt er in diesem Moment noch nicht.

Dabei hätte Haase allen Grund, sich Sorgen zu machen. Migrantenschreck verschickt Waren, die in Ungarn noch legal sind - in Deutschland gehören sie zu den erlaubnispflichtigen Schusswaffen. Ohne eine Waffenbesitzkarte sind Erwerb und Besitz strafbar. Das liegt auch an der Wucht, mit der die Projektile den Lauf verlassen. "Brachiale 140 Joule Mündungsenergie befördern die 19,3 mm Hartgummigeschosse ohne Umwege ins Ziel und lassen jeden Angreifer alt aussehen", wirbt die Webseite für das "Präzisionsgewehr Deluxe". Das reicht, um Menschen tödlich zu verletzen. Für die Kunden bedeutet das: je nach Schwere Geldstrafe oder bis zu fünf Jahre Haft wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz.

SZ.de und Motherboard haben seit Jahresbeginn mit einem Dutzend Kunden von Migrantenschreck gesprochen. Männer und Frauen, Junge und Alte, Arbeiter und Akademiker, FDP-Wähler und AfD-Mitglieder. Ein Ex-Polizist besorgt sich einen Ersatz für seine Dienstwaffe, eine alleinerziehende Mutter will ihr kleines Kind vor Flüchtlingen schützen, obwohl sie noch nie schlechte Erfahrungen gemacht hat. Unter den Käufern sind scheinbar besonnene Menschen wie Haase, der beteuert, die Waffe nicht wegen, sondern trotz des reißerischen Namens bestellt zu haben - aber auch ein Kfz-Mechaniker aus dem Berliner Umland, der angesichts der "Invasion der Migranten" vor einem "Bürgerkrieg" warnt und droht: "Ich will ja keine Flüchtlinge töten. Es geht um einen Denkzettel."