SZ: Das hört sich sehr technikkritisch an.
Bild vergrößern
Der Kulturkritiker William Deresiewicz (© Foto: oH)
Anzeige
Deresiewicz: Ich möchte die Technik nicht dämonisieren. Sie ist genauso wenig grundsätzlich schlecht wie das Internet oder Facebook grundsätzlich schlecht sind. Bei Facebook bin ich übrigens selbst angemeldet. Das Problem begann schon lange vor dem Internet: Der Kulturkritiker Lionel Trilling schrieb bereits vor 50 Jahren, dass die Moderne von der Angst des Einzelnen geprägt ist, nur eine einzige Sekunde von der Herde getrennt zu sein.
SZ: Und das Internet verstärkt diese Angst?
Deresiewicz: Ich möchte eine Analogie ziehen: Das Fernsehen war eigentlich dazu gedacht, Langeweile zu vertreiben - in der Realität hat es sie verstärkt. Genauso verhält es sich mit dem Internet. Es verstärkt die Einsamkeit. Je mehr uns eine Technik die Möglichkeit gibt, eine Angst des modernen Lebens zu bekämpfen, umso schlimmer wird diese Angst bei uns werden. Weil wir ständig mit Menschen in Kontakt treten können, fürchten wir uns umso mehr, allein mit uns und unseren Gedanken zu sein.
SZ: Wie konstruiert der Mensch zwischen Vernetzung und Einsamkeit seine Identität?
Deresiewicz: Es gibt eine Lücke zwischen dem, was wir sind, und dem was wir darstellen. Oft ist es doch so: Je mehr Spaß Menschen an ihren Facebook-Statusnachrichten zu haben scheinen, umso weniger Spaß haben sie in ihrem echten Leben. Das kann dazu führen, dass wir uns zu Avataren unserer Selbst verwandeln: Plötzlich merke ich, dass mein digitales Ich auf Facebook ein aufregenderes Leben hat als ich selbst.
SZ: Aber den Unterschied zwischen dem Menschen selbst und den sozialen Rollen, die er spielt, gab es doch schon immer.
Deresiewicz: Natürlich. Bereits Shakespeare hat ja dieses Problem behandelt, und er war nicht der Erste. Doch die Frage ist, wie einfach es ist, diese Täuschung zu erschaffen und wie einfach es ist, sie zu durchschauen. Wenn Sie jemandem gegenüberstehen, kann die Lücke zwischen Auftritt und dem Selbst nicht besonders groß werden. Aber was ist, wennsie in die Situation kommen, in der sie anderen Menschen nicht nur über elektronische Medien begegnen, sondern sie mit 90 Prozent ihrer Kommunikationspartner gar keine andere Ebene teilen?
SZ: Was sind die Folgen dieses Identitätsverlusts?
Deresiewicz: Ich weiß es nicht, aber natürlich hat es Konsequenzen für die Gesellschaft. Wir hatten mit Bill Clinton und George W. Bush gerade zwei Präsidenten, die ganz eindeutig das Produkt der Baby Boomer waren. Keiner von beiden war ein echter Erwachsener, weil das Mantra dieser Generation "Werde nie erwachsen" lautete. Deshalb stelle ich mir die Frage, wie die mit Facebook aufgewachsene Generation einmal dieses Land führen wird. Sie ist so tief in die elektronische Welt eingetaucht, dass sie vielfach Abgeschiedenheit und Selbstreflexion nicht mehr kennt. Menschliche Beziehungen hält diese Generation in erster Linie für medial vermittelt. Wir müssen deshalb einmal mehr unser Verhältnis zu neuer Technik verhandeln, einen Schritt zurück treten und uns damit auseinandersetzen, welche Konsequenzen sich aus ihrer Nutzung ergeben.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
(SZ vom 18.02.2010/joku)
Griechenland und die Euro-Zone
es ist die Frage, ob der Mensch die Wirklichkeit richtig einschätzen und gute Entscheidungen trifft, wenn er die virtuelle für real hält.
Doch das Problem ist nicht neu. Selbstreflexion ist so selten wie ein Wunder. Es liegt am Menschen.
Facebook ist eine gute Sache, man kann es positiv nutzen.
Jedes Mittel, jede Technik kann Flucht oder Segen sein, Gift oder Medizin. Der Mensch ist hier um Mensch zu werden und das ist nicht leicht, aber sich davor zu drücken, dass konnte die Masse der Menschen schon immer, nur heute ist einfacher mit einem Click.
"Facebook und Co. machen uns einsamer als je zuvor,..." Echt? Ich würde in meinem Fall sogar sagen, im Gegenteil!
Erstens - ist auf facebook mehr als genügend Platz um sich ausführlich auszutauschen - man kann sich nämlich sehr wohl lange Nachrichten schreiben.
Zweitens - ist die zwischenmenschliche Kommunikation im Leben sowieso meistens von knappen "Wie gehts wie stehts - schönes Wetter heute" geprägt. In diesen Fällen ists auch im Internet nicht anders.
Und drittens - Kann man wahre Freunde eh an einer Hand abzählen und sich glücklich schätzen, dabei mehr als drei Finger zu brauchen.
Ich empfinde das Internet als äusserst bereichernd, nicht nur wegen der vielen, erfrischend alternativen Medien.
Es ist das Fernsehen, das einsam macht, weil man dort nur als Zuschauer vor der Kiste sitzt und überhaupt keine Möglichkeit hat, seinen Senf dazuzugeben - so wie ich das hiermit im Internet mache :o)
Hallo Herr Kuhn,
"Sein Argument ist, dass wir Freundschaft in das Social-Network-Format übersetzen - und deshalb wichtige Nuancen verloren gehen."
Und eben das überzeugt mich nicht. Meine echten Freunde treffe ich doch weiterhin auch außerhalb des Netzes. Und diejenigen, mit denen ich ausschließlich oberflächliche oder lockere Online-Kontakte habe, sind ohnehin meist Menschen, die es zwar nicht in meinen engeren Freundeskreis schaffen würden - die ich aber trotzdem interessant, nett oder was auch immer finden kann. Ich persönlich sehe das eher als eine Bereicherung.
In jedem Fall danke für die nette Antwort!
Wer facebook und Co. sinnvoll zu nutzen weiß, kann meiner Meinung nach damit sogar offline-Kontakte festigen. Ich denke hierbei insbesondere an ehemalige Schul- /Arbeitskollegen und Kommilitonen, die man ohne soziale Netzwerke schnell aus den Augen verliert. Es ist natürlich richtig, dass dies nicht immer gleich richtig gute Freunde sind. Natürlich besteht aber auch die Gefahr nur in einer virtuellen Welt verhaften zu bleiben. Insofern empfehle ich allen Teilnehmern sozialer Netzwerke, diese dazu zu nutzen, sich offline mit anderen Menschen, die man sympathisch findet und zu denen man den Kontakt beibehalten möchte, sich mit diesen zu verabreden und das soziale Netzwerk dazu zu nutzen, um Bilder von der letzten Bergwanderung, Party etc. auszutauschen. Man hat ja die Wahl, wen man in sein Netzwerk lässt und wen nicht und welche Infos man von sich preis gibt. Oftmals kommen aber auch erst offline-Treffen durch online-communities zustande. Insofern kann ich dem Autor nur bedingt zustimmen. Es kommt immer auf sich selbst an, ob und wie gut man Etwas sinnvoll nutzt oder auch nicht egal um welches Medium es sich handelt.
Paging